Es ist wieder so wie in der Berija-Zeit: In der Provinz erfolgen Personalveränderungen als Ankündigung eines Gewitters, das sich in der Zentrale zusammenzieht. Noch kann man nicht sagen, ob es mit einem einzigen Donnerschlag wie im Juni enden wird. Es ist möglich, daß das Führerkollektiv einen neuen offenen Konflikt vermeidet und unauffälligere Formen der Erledigung findet.

Nach Verhaftung des Georgiers Berija konnte man darüber streiten, ob Malenkow oder Molotow als Sieger anzusehen seien, andere Namen waren zweitrangig. Bei der Feier der Oktoberrevolution erwähnte Woroschilow von den Angehörigen des Führerkollektivs nur Malenkow und Chruschtschow. Damit war eine veränderte Sachlage gekennzeichnet.

Die neue Agrar- und Konsumentenpolitik ist durch die sensationelle Rede Nikita Chruschtschows eingeleitet worden. Um ihre Ausführung durch die Ministerien kümmert sich das Parteisekretariat genau. Vor kurzem hat Chruschtschow eine Presseschulungstagung abgehalten, auf der er sich heftig über mangelhafte Leistungen beklagte. Es fiel auf, daß er von seinen Kollegen im Parteisekretariat nicht den langjährigen Propagandafachmann Ssuslow, sondern Pospelow mitgebracht hatte. Ssuslow gilt als Vertrauter Malenkows, aber Pospelow, der schon im Auftrage Chruschtschows den Ministerpräsidenten von Aserbeidschan, Bagirow, abgesetzt hatte, tritt heute als der maßgebliche Interpret des neuen Kurses mehr und mehr hervor. Es ist auch wohl kein Zufall, daß der Landwirtschaftsminister Benediktow nicht auf der Rednerliste der Pressetagung stand. Kurz vorher war seinem Ministerium das Beschaffungswesen genommen und als selbständiges Ressort Kornijez unterstellt worden, der Stellvertreter Chruschtschows in der Ukraine gewesen war. Es ist dies der erste Fall, daß bei der Ernennung eines Kabinettmitglieds der Einfluß des jetzigen 1. ZK-Sekretärs unverkennbar ist.

Noch beredter sind die Vorgänge in Leningrad. Der Sekretär des Gebietskomitees, der bis zum März Mitglied des Parteipräsidiums und -sekretariats gewesen war und noch dem Präsidium des Obersten Sowjets angehörte, W. M. Andrianow, ist in Anwesenheit Chruschtschows ohne Angabe von Gründen abgesetzt worden. Andrianow hatte ebenso wie sein Vertreter Ignatow, der offiziell nach Moskau versetzt wurde, aber auch in Ungnade gefallen zu sein scheint, den Ruf, ein zuverlässiger Parteigänger Malenkows zu sein. In Tula wurde der Sekretär des Gebietskomitees Nedossekin, Mitglied des Zentralkomitees, wegen Nachlässigkeiten in der Erfüllung der agrarpolitischen Richtlinien Chruschtschows ebenfalls abgesetzt.

Chruschtschow ist der Repräsentant der Kräfte, die den Vorrang der Partei im Staatsorganismus aufrechterhalten wollen. Er möchte ihr durch die Politik der Hebung des Lebensstandards, die im Laufe der Zeit auch, gewisse Erfolge erzielen kann, Popularität verschaffen. Unter dieser Perspektive ist seine Personalpolitik darauf gerichtet, die Partei zu einem Instrument seines Willens zu machen. Dadurch wird zwangsläufig der Einfluß der übrigen Mitglieder des Führerkollektivs her abgedrückt. Berija scheiterte daran, daß er durch seine Nationalitätenpolitik eine großrussische Einheitsfront gegen sich zustande brachte. Chruschtschow ist nicht in der Gefahr, in Moskau etwa ukrainische Politik treiben zu wollen. Er kann für die Sicherung des Parteianspruches Anhänger unter der Alten Garde und in der Verwaltung finden, wo das Spezialistentum die Stellung der politischen Funktionäre bedroht. Das Führerkollektiv erlebt seine zweite Belastungsprobe. Im Augenblick ist der neue Kurs mehr mit der Person Chruschtschows als der Malenkows verknüpft. Harald Laeuen