Lesen und Lesen ist zweierlei. Man kann stumm lesen, nur mit den Augen, die ein Schriftbild aufnehmen und sogleich an den Verstand weiterleiten, damit er das Mitgeteilte verarbeite. So liest man Zeitungsmeldungen, amtliche Bekanntmachungen, fachwissenschaftliche Abhandlungen. So lesen aber die meisten auch Romane. Sie hören nicht zu, sie sehen nur hin. Sic lesen stumm und auch taub – wie ein Mathematiker Formeln liest. Weil aber dementsprechend auch Schreiben und Schreiben zweierlei ist, es also auch ein Schreiben für stumme und taube Leser gibt (zum Beispiel das Schreiben von Meldungen und Beweisen), passen sich immer mehr Schriftsteller, gerade auch Romanschriftsteller, dem modernen, rationalisierten Lesestil an und schreiben sozusagen über die Worte hinweg, nur auf den Sinn des Ganzen hin, so daß denn ihre Romane sich für denjenigen, der noch gewohnt ist. lesend mit dem Ohr tätig zu sein, ausnehmen wie Inhaltsangaben einer Symphonie, bei denen keine Musik erklingt.

Um so größer die Überraschung, wenn der Roman eines jungen deutschen Autors so geschrieben ist, daß dem Leser der Versuch, ihn taubstumm zu lesen, einfach nicht gelingen kann, weil der Dichter ihn mit unwiderstehlicher Nötigung dazu treibt, sich den Text (und sei es auch nur in der Vorstellung) zu Gehör zu bringen. Herbert Eisenreichs Roman Auch in ihrer Sünde (Marion von Schröder Verlag, Hamburg, 259 S.) ist ein solches Buch, das man lesen muß wie der Musiker eine Partitur liest – indem er in Gedanken hört. "Und eines Tages fuhr die Eisenbahn wieder: sie hörten den Pfiff und sprangen zum Fenster, es war ein schwarzer Wurm, der näherkroch und, plötzlich kein Wurm mehr, näherfuhr, und dann unterschieden sie die Lokomotive und die einzelnen Waggons, und der Wind trieb den Rauch zu ihnen herüber, die Lokomotive keuchte und stampfte heran, verschwand zwischen Bäumen und Häusern tauchte überraschend zwischen Häusern und Bäumen wieder auf ... und sie standen am Fenster, Hand in Hand, gleich einem Brautpaar, das seine Hochzeitsreise angetreten hat, und die Welt lag vor ihnen, offen und endlos und fürchterlich groß, und sie dachte, daß es eine schöne Sache ist, auf der Welt zu sein, und er dachte das gleiche, nur mit einem anderen Gedanken, und er fragte sie: ‚Hast du keine Angst?’" Der Satz füllt im Buch mehr als eine halbe Seite; andere sind zwei Seiten, und noch länger, aber alle sind komponiert, rhythmisch gegliedert, führen auf einen Schluß hin, wollen musikalisch gehört und nicht nur dem Inhalt nach aufgefaßt werden. Beim ersten Hören mag sich mancher an Alfred Döblin ("Berlin Alexanderplatz") erinnert fühlen, der ja auch mit dem aufreihenden, dem Temperament der Umgangssprache nahen Satzteil arbeitete. Aber bei Döblin dient diese Methode dem Aufzeichnen der unausgesprochenen Regungen in irgendwelchen Menschen oder der Nachahmung eines Bänkelsängertons. Bei Eisenreich dagegen werden die Erscheinungen, die Vorgänge, das Geistern der Umwelt vom Erzählen selbst als einer ergriffenen, leidenschaftlich anteilnehmenden Person aus der Distanz des Epikers beschrieben, der sich weder mit einer Nachrichtenagentur noch mit einem psychographischen Registrierapparat verwechselt, sondern sich jederzeit bewußt ist, daß, wie für die Malerei Formen und Farben, für die erzählende Kunst Klang und Rhythmus der Sprache die Elemente sind, aus denen sich die Gestalt bildet.

Eisenreich, dreißigjährig, jetzt in Hamburg lebend, ist Österreicher, aber einer von jenen, die – wie Karl Kraus – das österreichische nicht as Lockung, vielmehr als Herausforderung erlebt haben. Er hat sich sein Leben und sein Schreiben gegen den Strich eingerichtet. Auch was Fabel und Sinn seines Romans angeht. Die Handlung spiet nach einem Bürgerkrieg. Beide Seiten, sind fanatisch und anständig, grausam und großherzig gewesen – wie soll ein Erzähler das noch auseinanderhalten, wenn alles vorbei ist? Aber der Nationalheld der siegenden Partei, der eben das getan hat, was man als moralisch gefestigter Kämpfer tun muß: den zum Feinde übergegangenen Freund nur noch als Menschen der anderen Seite anzusehen – er leidet an seinem Verrat des Freundes, weil er spürt, daß gerade Freundschaft das Unbedingte verlangt. Er versucht die Schuld zu sühnen, indem er die Frau des Toten versorgt, und erreicht doch nur, daß ihn die Presse, die dem Publikum ein Entrüstungssoll zu liefern hat, der schnöden Intrige um den Besitz dieser Frau beschuldigt. "Wir zappeln an der Moral, das ist der Haken bei der Politik", sagt er einmal im beginnenden Schnapsrausch. Es ist ihm nicht ganz ernst mit solchem Zynismus ("Wichtig ist, daß man oben drauf bleibt wie das Fett auf der Suppe") aber er erkennt doch, daß die Schuld ihn nicht freiläßt, wenngleich niemand ihn richtet.

Natürlich hat Eisenreich zu dieser Hauptfigur auch das erfunden, was im Englischen ein plot heißt: eine Handlung mit dramatischen Effekten. Die Frau des Getöteten erfährt, daß der Junge, den sie für ihr Kind hält, im Wirrwarr des Bürgerkrieges nach der Geburt vertauscht ist; sie dreht den Gashahn auf, wird durch einen skurrilen Zufall gerettet. All das ergibt Szenen von grandioser Schauerlichkeit und Härte, ist aber doch mehr Anlaß zu genauerer Ausmodellierung der Gesamtsituation als eigentliche Romanfabel – wie denn vielleicht das freie Fabulieren nicht so sehr Eisenreichs Stärke ist als das dichtende Beschreiben einer von der Vergangenheit her bestimmten, unauflösbaren Situation. C. E. L.