D., Frankfurt am Main

In diesen Tagen wurden der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage" – der Kirche der Mormonen – von der hessischen Landesregierung die Rechte einer öffentlichen Körperschaft verliehen. Sitz der Kirche, deren erste Missionare 1843 in die Gegend Darmstadt-Frankfurt, 1851 nach Hamburg kamen und von deren anderthalb Millionen Gläubigen etwa 17 000 in Deutschland leben, ist Frankfurt am Main. Präsident der westdeutschen Mission der Mormonen ist seit der vergangenen Woche Mr. Kenneth B. Dyer aus Salt Lake City im Staate Utah. Mr. Dyer war dort bis zum November dieses Jahres Chef, der Außenstelle des USA-Handelsministeriums für den Staat Utah – eine Stellung, in der er etwa den Rang eines Ministerialrats bekleidete. Als ihm die Mormonenkirche seinen Missionsauftrag erteilte, ließ er Amt und Haus im Stich und reiste mit Frau, Tochter und Sohn nach Frankfurt.

Es ist bei den Mormonen, bei denen es keine bezahlten Kirchenämter gibt, üblich, daß jemand, der für zwei oder drei Jahre zum Missionar oder zum Priester berufen wird, ohne Bedenken jedes materielle Opfer bringt. Die Lebenshaltung der Mormonen ist entsagungsvoll. Alkohol, Kaffee, Tee und Tabak sind verpönt. Die groteske Ausnahme von dieser Regel der Enthaltsamkeit war einst die berühmte Vielweiberei, die bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts offiziell, seither jedoch nur noch von einer aus der Mormonenkirche abgesplitterten kleinen Sekte im Staate Arizona gepflegt wurde. Die heutigen Vertreter der Mormonen sind Musterbilder der Keuschheit.

"An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen", das ist das Bibelwort, auf das die Mormonen gern hinweisen, wenn Gegner die recht komplizierten Grundlagen ihres Dogmas angreifen. In der Tat; Die Werke der Nächstenliebe, die von dem Mormonenstaate Utah ausgingen, dürften den hessischen Behörden ihren Schritt zur Anerkennung dieser Kirchengemeinschaft wesentlich erleichtert haben. Nur wer außer dem Gelöbnis eines keuschen und Gott wohlgefälligen Lebenswandels auch eine Bescheinigung vorlegt, daß er zehn Prozent seines Einkommens ständig der Kirche überweist, hat Zutritt zum großen Tempel der Mormonen in Salt Lake City. So verfügt die "Kirche der Heiligen der letzten Tage" über die notwendigen Mittel, daß sie von 1946 bis 1949 rund fünf Millionen Büchsen Lebensmittel und eine halbe Million Kilogramm Textilien nach Deutschland schicken konnte, um Hungernde zu sättigen.