Von Christian E. Lewalter

Statt. Worte zu säen pflanze ich Gedanken und Aussichten. Herder

Herder hatte das Unglück, daß seine Schriften immer entweder neu oder veraltet waren. Nietzsche

Die Frage "Was wäre geschehen, wenn...?" führt allemal in Fallgruben. Der Prozeß der Geschichte ist ja unumkehrbar. Trotzdem hat es einen guten Sinn, hin und wieder solche Rückfragen zu stellen. Denn dabei wird der Fragende gewahr, wie sehr der Verlauf unserer Geschichte von unvorhersehbar gewesenen Entscheidungen bestimmt war und sein wird.

Bei einer Figur wie Herder ist es heute geradezu nötig, einmal experimentell den Gedanken zu erwagen, es hätte sie nicht gegeben, und die Frage, zu stellen: was wäre ohne Herder aus uns geworden? Denn gerade Herder gehört für das durchschnittliche Bewußtsein unserer Zeit viel zu selbstverständlich "der Geschichte an", das heißt: man läßt ihn dort ruhen, wie eine Versteinerung im paläontologischen Museum ruht. Er gilt als ein Stück Vergangenheit. Ein Vorläufer, ein Anreger, ein Wegbereiter oder wie sonst man die nur bedingte Wichtigkeit einer historischen Figur höflich umschreiben mag. Sobald man aber einmal den kecken Versuch macht; Herder aus der Geschichte wegzudenken, stellt sich heraus, daß er einer der gewaltigsten Veränderer des Abendlandes gewesen ist – und nicht nur innerhalb des Abendlandes, sondern über dessen Grenzen hinaus, stärker ausgestrahlt hat als viele berühmtere und der Vollkommenheit nähere Geister.

Diese Behauptung zu begründen ist insofern nicht ganz leicht, als Herder kein Mann der schnell sichtbaren Leistungen war. Als er dreiundzwanzigjährig von Riga aus. mit seinen "Fragmenten" die Aufmerksamkeit der geistigen Elite Deutschlands auf sich lenkte (1767), lagen von der vorigen Generation konkrete Leistungen vor: Winckelmann hatte seinen Protest gegen die barocke Kunst durchgesetzt und den Klassizismus zum verbindlichen Stil gemacht, Klopstock der deutschen Sprache die Töne des großen Gefühls abgewonnen, und Lessing gegen die Franzosen Shakespeare für die europäische Dramatik wiederentdeckt. Solch schnelle und radikale Umstellungen hat Herder auch später nicht aufzuweisen. Als er ein Mann von fünfzig Jahren ist (1794), sind der späte Kant, Goethe und Schiller im Zenith. Goethe und Schiller, die jüngeren, sehen in ihm den Älteren, halb verehrend, halb nachsichtig; er selbst ist überzeugt, jünger zu denken und zu fühlen als sie – und wird darin bestätigt durch die Zustimmung des Allerjüngsten: Jean Pauls, der nach 1803 den Satz schrieb, "erst auf der Demantwaage der Nachwelt" werde Herder "im ganzen gewogen und erwogen werden". "Vorstufe der Weimarer Klassik" zu sein – das hätte der Herder von 1800 als ärgsten Schimpf angesehen. Und eben diesen Schimpf hat ihm die Nachwelt lange Zeit angetan. Weil er kein Mann der abgerundeten Werke, der klaren Form und des soliden Systems war...

Wer ermessen will, was Herder in die Welt gebracht hat, muß darum hinter die Lösungen, die nach ihm kamen, zurücktragen auf die geistige Situation, die er vorfand, ja, die er eigentlich erst entdeckt hat und die in ihren wesentlichen Zügen noch (oder wieder?) die geistige Situation unserer Tage ist. Er hat auf diese Situation Antworten gegeben, die in unzähligen Kanälen weiter gewirkt haben und auf keine Weise ungeschehen zu machen sind. So, daß man in etwas überspitzer Formulierung sagen darf: die heutige Situation der abendländischen Kultur ist die Ausgangssituation Herders, kompliziert durch die Nachwirkungen von Herders Antworten.