Mit dem Rücktritt des israelischen Ministerpräsidenten Ben Gurion und der Ernennung des bisherigen Außenministers Mosche Scharen zum Regierungschef hat ein bedeutungsvoller Wechsel stattgefunden. Der temperamentvolle "Feuerkopf" Ben Gurion, der seit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 Ministerpräsident und Verteidigungsminister war, wird von einem sehr vorsichtigen, fast pedantischen Nachfolger abgelöst, der sich streng an den Buchstaben des Gesetzes hält, der es liebt, seinen Ministerkollegen "Vorlesungen" zu halten und deshalb von ihnen mit dem Spitznamen "Herr Lehrer" bedacht wird.

Die Bestimmung darüber, wer dem Staatspräsidenten Ben-Zwi als Regierungschef vorgeschlagen werden sollte, lag bei der die Regierung tragenden sozialdemokratischen Mapai-Partei, deren Zentralkomitee sich einstimmig für Mosche Scharett entschied, obwohl Ben Gurion den Wunsch geäußert hatte, den bisherigen Finanzminister Levi Eschkol zum Nachfolger zu haben. Der einstimmige Beschluß des Zentralkomitees ist um so bedeutsamer, als Eschkol in seinem Wesen und Temperament Ben Gurion sehr ähnlich ist. Offenbar ist die Mapai der Auffassung, daß ein gemäßigter Politiker an die Spitze der Regierung treten müsse, der – im Gegensatz zu Ben Gurion – die Minister, das Parlament und die Umwelt nicht vor vollendete Tatsachen stellt.

Ben Gurion war in wichtigen außenpolitischen Fragen häufig anderer Auffassung als sein Außenminister, dessen Politik er, wenn es ihm erforderlich erschien, in Presseinterviews und Reden im Parlament desavouierte. Die beiden Männer, die seit ihrer gemeinsamen Tätigkeit in der Jewish Agency, einer Art israelischen Schattenregierung während der britischen Mandatszeit, eng zusammen gearbeitet haben, erstreben sicherlich die Reichen politischen Ziele, aber auf verschiedenen Vegen, die ihnen durch ihr gegensätzliches Temperament vorgezogen sind.

Der neue Ministerpräsident will mit der bisherigen Koalition der Mitte regieren, an der auch die nach der Mapai zweitstärkste Partei, die "Fortschrittspartei", beteiligt ist. Die Bedenken der "Fortschrittler" gegen die Beibehaltung der bisherigen Koalition konnten durch ihre stärkere Beteiligung an der Regierung beseitigt werden.

Wenn auch nicht anzunehmen ist, daß Ministerpräsident Scharett, der die Leitung des Außenministeriums behält, eine grundlegende Änderung der Politik Israels vornehmen wird, so kann doch damit gerechnet werden, daß er auf die Haltung ausländischer Mächte zu Israel feinfühliger reagiert, als es Ben Gurion tat. "Unter Scharett wird es", so lautet die Prognose eines israelischen politischen Beobachters, "keine Feuerwerke mehr, sicherlich aber Vorlesungen geben." Ernst Krüger