Als in der vorletzten Woche die Tiefbohrung des Konsortiums der Standard Oil of California mit der Ampol Petroleum Ltd. an der westaustralischen Küste fündig wurde, verursachte das einen hektischen "Ölrausch" auf dem fünften Kontinent und füllte die Spalten der Weltpresse. In Westdeutschland ist im vergangenen Jahr mehr als ein halbes dutzendmal dasselbe geschehen, was in Australien eine solche Überraschung hervorrief, ohne daß die Öffentlichkeit mehr als durch kurze Notizen im Wirtschaftsteil der Zeitungen daraufaufmerksam gemacht wurde.

Die Aufregung in Sydney ist allerdings verständlich, wenn man bedenkt, daß am Exmouth-Golf nach jahrzehntelangen vergeblichen Bemühungen um die Erschließung ausbeutungsfähiger Erdölvorkommen zum ersten Male eine australische Erdölbohrung wirtschaftlich fündig wurde and Australien dadurch begründete Hoffnung haben kann, daß mit der Zeit wenigstens ein Teil per Devisen, die es für den Import des kostbaren Rohstoffes ausgibt, eingespart werden kann. Auf per anderen Seite verdient es aber auch der deutschen Öffentlichkeit noch eindringlicher klargemacht zu werden, daß sie risikoreichen Betätigung einiger Erdölgesellschaften, der Tüchtigkeit einer Handvoll Geologen und Geophysiker und der Tatsache, daß nach dem Kriege bei der Erdölsuche in Deutschland moderne Verfahren (zum Teil nach amerikanischem Vorbild) angewendet wurden, einen früher nicht geahnten Aufschwung der einheimischen Erdölförderung verdankt.

Vor etwa zwanzig Jahren konnte ein prominenter Wissenschaftler noch erklären, daß der Boden Nordwestdeutschlands bereits wie ein Sieb von Tiefbohrungen durchlöchert sei und man daher kaum noch mit angenehmen Überraschungen hinsichtlich der Entdeckung neuer Erdöllagerstätten rechnen könne. Damals war auch das Vorurteil weit verbreitet, daß die Erdölproduktion in den hannoverschen Förderbezirken Nienhagen, Wietze und so weiter ein spekulatives, kaum lohnendes Geschäft sei, von dem man lieber die Finger lassen sollte. Die Erdölausbeute lag seinerzeit bei einer Jahresquote von 200–-300 t. Wenn diese Zeilen gerade im Druck stehen, wird auf einer Kundgebung des Wirtschaftsverbandes Erdölgewinnung in Hannover die Tatsache gefeiert, daß die Förderung in diesem Jahre zum ersten Male zwei Millionen Tonnen überschritten hat. Plastisch wird diese Zahl erst, wenn man ihr den westdeutschen Inlandsverbrauch gegenüberstellt. Er wird in dem zu Ende gehenden Jahre 1953 wahrscheinlich knapp 6,5 Mill. t Rohöl erreichen. Mit anderen Worten: rund 30 v. H. des Bedarfs kann aus den inländischen Quellen gedeckt werden. Und da die deutsche Erdölgewinnung annähernd im gleichen Tempo ansteigt wie der Mineralölverbrauch, wird sich an diesem Verhältnis in den nächsten Jahren kaum etwas ändern.

Sechs Jahrzehnte lang beschränkte sich die deutsche Erdölproduktion auf vier Felder in der Gegend von Celle und Peine. Seither sind sechsundvierzig neue Erdöllagerstätten erschlossen worden, und zwar nicht nur im klassischen hannoverschen Raum, sondern auch in Schleswig-Holstein, bei Hamburg, im Emsland und in Baden. Neuerdings stehen das Gebiet zwischen Weser und Ems (Südoldenburg), der hessische Teil des Oberrheintals und Ostholstein im Brennpunkt der Erdölsuche. Im Gebiet Weser-Ems wurden in den letzten vierzehn Monaten nicht weniger als acht Felder neu entdeckt, am Oberrhein waren es drei. Hinzu kommen noch einige vielversprechende neue Erdgaslagerstätten, die für die Energieversorgung der Industrie, aber auch für die Erzeugung hochwertiger chemischer Produkte interessant sind.

Dabei geht die Weiterentwicklung keineswegs nur regional vonstatten. Neue Erkenntnisse der Geologen und die Verfeinerung der geophysikalischen Untersuchungsmethoden (Reflexionsseismik) führten beispielsweise auch in dem alten hannoverschen Fördergebiet zur Entdeckung von ergiebigen Vorkommen von geologisch gänzlich neuartigem Typ. Auch die Tatsache, daß die Bohrtechnik es heute möglich macht, ohne weiteres Tiefen von über 3000 m zu erschließen, trug dazu bei, daß mit Erfolg Objekte in Angriff genommen wurden, die man früher für unerreichbar halten, mußte.

Wie sind nun die Aussichten für die Zukunft? Für den Laien liegt die Frage nahe, ob wir in Deutschland womöglich eines Tages auch derart ergiebige Funde machen können, wie sie am Persischen Golf erzielt wurden. Die Fachleute sind sich darüber einig, daß übertriebene Hoffnungen angesichts der außerordentlich komplizierten geologischen Struktur des Untergrundes in Mitteleuropa fehl am Platze wären. Die Verhältnisse am Persischen Golf (jede einzelne Bohrung fördert dort 700–1000 t täglich) sind einmalig. Auf der anderen Seite hat es sich gezeigt, daß sich im tiefen Untergrund Nordwestdeutschlands Öllagerstätten (wie Rühlertwist, Rühlermoor, Georgsdorf, Suderbruch und Hohne) angesammelt haben, die immerhin, monatliche Ausbeuten zwischen 13 000 und 18 000 t liefern. Die Hoffnungsgebiete in Weser-Ems, Holstein, am Oberrhein und schließlich – nicht zu vergessen – im schwäbisch-bayrischen Voralpenland befinden sich erst im ersten Stadium der Erschließung. Auch im Küstengebiet der Nordsee und in Westfalen ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Im Jahre 1953 wurden zehn neue Erdölfelder entdeckt. Es ist kaum zweifelhaft, daß die glückhafte Serie der Ölfunde weiter fortgesetzt werden wird. Voraussetzung ist dabei allerdings, daß der Erdölindustrie ein angemessener Zollschutz und entsprechende Erlöse erhalten bleiben, so daß die intensive Aufschlußtätigkeit finanziert werden, kann. A. M. Stahmer