Welch sonderbares Buch, diese Kimmerische Fahrt Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, (286 Seiten, Leinen 12,50 DM), für die der bis jetzt ganz unbekannte Autor Werner Warsinsky, der als Fabrikarbeiter in Westfalen lebt, den "Europäischen Literaturpreis" erhielt, und das hieß: durch eine garantierte, vorausgezahlte Auflage von 100 000 Exemplaren für geraume Zeit zu einem wirtschaftlich unabhängigen Schriftsteller wurde!

Die Fabel, schon sie kaum herauszurätseln: Ein im Osten verwundeter Soldat, der dabei sein Gedächtnis verloren, tastet sich in die Vergangenheit zurück, damit seine Gegenwart wieder lebbar werde auf eine Zukunft hin. Will man jedoch genauer nacherzählen, verliert sich jener in die Vergangenheit zielende Weg alsbald in die gegenstandslose Unverbindlichkeit der Fieber- und Wahnsinnswelt, deren Dunkel nur zwischendurch einmal wenig erhellt wird, wie eine nächtliche Landschaft von einem fernen Wetterleuchten. Der zweite Teil des dreigeteilten Buches erst schafft größere Klarheit, als ginge die Sonne über der Landschaft auf, die Nacht vertreibend; einzelne Dinge haben schon ihre Kontur, wenngleich die großen Zusammenhänge noch im Schatten ruhen. Im letzten Drittel aber, wo man erwarten mochte, daß nun die einzelnen Schicksalsfäden, da sie bereits aufgegriffen, zum Lebensgeflecht sich ordnen möchten, sinkt das schon angepackte Leben zurück in jene nächtlichen Unfaßbarkeiten, welche bereits überwunden schienen; was bereits gelichtet war, wird neuerlich verdunkelt, das bereits Geklärte wird unerklärlich getrübt. Und am Ende weiß niemand mehr (außer Benn, der als Preisrichter natürlich alles ganz genau weiß und das Buch einen "großen tragischen Wurf nannte), wer der Held des Buches nun wirklich gewesen, was er tatsächlich erlebt, was er nur geträumt und gewähnt, aus welcher tatsächlichen Vergangenheit heraus sein Traumdasein sich gespeist.

Damit ist die anfängliche Absicht ins völlige Gegenteil verkehrt; das Buch ist sozusagen willentlich mißlungen. Grandios mißlungen, das darf man nicht leugnen. Denn Warsinsky sieht ungemein viel, er sieht scharf und mitunter sehr direkt; und vor allem: er kann schreiben. Indes: je weiter Warsinsky sich vom sinnlich Gegebenen entfernt, desto weiter versteigt sich die Sprache ins Abstrakte, wo alles möglich und nichts mehr kontrollierbar und genaugenommen auch nichts mehr notwendig ist, so daß der Leser getrost ein paar Seiten überblättern könnte, ohne eines Mangels innezuwerden. "Im Übermaß des so Erlebten, Halt suchend, kam ich auf jene höheren Potenzen des kaum mehr Sagbaren, weil nicht mehr Vor stellbaren", heißt es einmal, und damit ist das fundamentale Mißverständnis Warsinskys ausgesprochen.

Die Sprache ist doch nicht ein Transportmittel irgendwelcher Fakten, Erkenntnisse oder Gefühle, sie ist auch nicht Ausdrucksmittel der Vorstellungsweit; vielmehr ermöglicht sie erst die Wahrnehmung in des Wortes genauester Bedeutung. Die Vorstellung vor die Sprache zu setzen, heißt nichts weiter, als den Irrtum kultivieren, es ließen sich Inhalte irgendwie tradieren, ohne daß sie Form geworden wären – und in diesem Irrtum liegt das Scheitern des Autors begründet, die Notwendigkeit seines Scheiterns: in der Vorstellung gibt es eben keine Tradition, die gibt es nur in der Sprache, und diese versagt sich der Wirklichkeit zumeist, indem sie nicht direkt diese, sondern zuerst die Vorstellung davon meint; deshalb gibt es auch für den Helden keine Tradition, keine präsente Vergangenheit, und deshalb konnte das Buch, außer mit Willkür, kein anderes Ende finden als diese beschriebene Rückkehr ins Unerlöste: in das unkontrollierte, fleisch- und blutlose Nichts.

So wird man zwar aufgerufen, sich lesend von der Befangenheit in der eigenen Gedächtnislücke zu befreien, um darin sich selber wiederzufinden, wie immer der Held des Buches auch heiße; aber am Ende ist man geprellt um sich selber, weil man ja nur gelesen hat, um sich selber zu finden, und nicht, um die Daten irgendeiner fiktiven Handlung sich mitteilen zu lassen, was jede Zeitungsstory viel besser kann. Keine Wirklichkeit mehr, die zur Verwandlung in Sprache herausfordert; es werden die Handgriffe der Bewältigung vorexerziert, wo doch nichts tatsächlich zu bewältigen ist.

Eben diese Sprache aber, da sie sich doch an manchem Gegenstande so über die Maßen gut bewährt, läßt hoffen, daß Warsinsky nun auch zu Größerem imstande ist als zu Kommentaren über nichtexistente Sachverhalte – sofern er nicht länger mit sich jenen Mummenschwanz treibt, den sein Held auf "kimmerischer Fahrt" bis zum Überdruß spiegelt. H. E. Crusius