H. G., Beirut im Dezember

Seit Monaten zeichnen sich in Libanon ernste Krisenerscheinungen immer deutlicher ab. Die Banken sind äußerst zurückhaltend bei der Kreditgewährung, mehrere Konferenzen der Wirtschafts-, Finanz- und Industriekreise mit höchsten Regierungsstellen fanden bereits statt, und eine Reihe von Firmen mußte ihre Zahlungsunfähigkeit erklären. Die Geschäftswelt kalkuliert schärfer als je zuvor. Für den europäischen Exporteur, der nach hier liefert, würde eine Krise einen noch stärkeren Wettbewerb im Freihandelsland Libanon bedeuten und eine Reihe von Preissenkungen und Zahlungszugeständnisse mit sich bringen, wenn er im Rennen bleiben will.

Die Ursachen dieser Krise dürften in dem zu schnellen Wachsen der Industrie, in der Wirtschaftstrennung Syriens von Libanon, im Nachlassen des Koreabooms, aber auch in der mangelnden Kapitalflüssigkeit, hervorgerufen durch allzugroße Bodenspekulationen, und durch das Anlegen von Goldbeständen (der Goldkauf Libanons übersteigt jetzt bereits den Betrag des Vorjahres) zu suchen sein. Jedenfalls sehen die libanesischen Geschäftsleute im Augenblick nicht allzu rosig in die Zukunft. Dazu ist es möglich, daß ihnen der syrische Hafen Lattakia nach seinem Ausbau und dem Ausbau des verbindenden Straßen- und Eisenbahnnetzes einmal Konkurrenz macht. Jedoch liegt das noch in weiter Ferne, auch ist es fraglich, ob die großen, heute in Libanon ansässigen Weltfirmen (mehr als 1400 allein in der Hauptstadt Beirut) bereit sein werden, das Freihandelsland mit dem völlig freien Devisen- und Warenverkehr zu verlassen und damit alle hier gegebenen Vorteile (insbesondere einer gewinnbringenden Währungskonvertierung) aufzugeben;

Seit Wochen konferiert eine syrisch-libanesische Wirtschaftsdelegation bisher ohne greifbare Erfolge, sucht Libanon einen besseren Anschluß an die arabische Welt, gehen von Libanon aus Vorschläge in den arabischen Raum, die die Gründung einer gemeinsamen Bank, die Schaffung einer arabischen Handelsflotte, Aufhebung der Zoll- und Visaschranken (Libanon schaffte bereits den Visazwang für Angehörige arabischer Staaten ab), den freien Waren- und Kapitalverkehr zwischen den arabischen Ländern, die gemeinsame Bearbeitung und Durchführung größerer Projekte vorschlagen und allgemein ein positives Echo finden. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein Projekt, das in Beiruter Wirtschaftskreisen angeregt diskutiert wird. Es handelt sich dabei um die Anlage einer panarabischen Autostraße, die querkontinental die Mittelmeerhäfen mit den Häfen des Persischen Golfes verbinden soll, und eine Art "Suezkanal zu Land" sein würde. Die Straße soll ihre Hauptlinie von Damaskus nach Kuweit erhalten mit Zubringerstrecken von Basrah/Irak und Dammam/Saudi-Arabien (Kuweit, Basrah und Dammam liegen am Persischen Golf) und von den Mittelmeerhäfen Beirut/Libanon, Tripoli/Libanon und Lattaquije/Syrien. Für später ist eine Verlängerung über Amman/Jordanien zum Suezkanal vorgesehen. Die Straße selbst, wie auch alle Hafen- und Inlandumschlagplätze, sollen panarabisches, zollfreies Gebiet werden. Von einem solchen Projekt würde Libanon, der traditionelle Umschlagplatz des Mittleren Ostens bis hinunter nach Indien, gewiß nicht wenig profitieren.

Aber das alles sind letzten Endes Projekte auf lange Sicht, von denen noch nicht gesagt werden kann, ob sie überhaupt zur Durchführung gelangen. – Darüber ist man sich auch in Libanon klar und sucht zunächst andere Auswege. Eine Reihe von Vorschlägen sind der libanesischen Regierung vorgetragen worden: stärkerer Ausbau der Industrie und u. a. die Errichtung von Schutzzöllen. Ob diese Vorschläge günstig sind, darf bezweifelt werden, liegt doch Libanons Stärke zweifellos in seiner Stellung als Transitland und klassisches Land der Dreiecksgeschäfte, die wiederum nur durch die freie Devisen- und Handelsgesetzgebung ermöglicht werden.

Andererseits sollte die Krise auch nicht ernster genommen werden als sie ist. Ausländische Exporteure sollten auf jeden Fall "am Mann bleiben", da es außer Zweifel steht, daß Libanon sich in kurzer Zeit erholen wird und dann die Rückeroberung verlorenen Bodens für europäische Exporteure sehr schwierig sein dürfte.