Mit der Ministerratssitzung der OEEC Ende Oktober in Paris scheint in der internationalen Diskussion über weitere Fortschritte in Richtung auf eine freie Währungskonvertierbarkeit und Liberalisierung so etwas wie ein Winterschlaf eingetreten zu sein. Nachdem hinsichtlich des Übergangs zur Konvertierbarkeit via EZU alle Möglichkeiten auf frühestens März nächsten Jahres vertagt wurden und hinsichtlich der Liberalisierung England auf 75 v. H. und Frankreich auf magere 20 v. H. nachzuholen versprachen, wären demnach weitere Ereignisse vor dem Frühjahr nicht mehr zu erwarten.

Für alle Befürworter einer schnelleren Entwicklung mußte das einige Enttäuschung bedeuten. Bundeswirtschaftsminister Erhard hat es denn auch in Godesberg nicht an bitteren Worten über die EZU fehlen lassen und die gleiche kritische Einstellung ebenso unverblümt bei seinem Besuch in den USA von sich gegeben. Daß ihm auf Grund der retardierenden Haltung sowohl der Organisationen als auch maßgeblich beteiligter Länder, wie England und Frankreich, der Geduldsfaden riß, ist um so verständlicher, wenn man bedenkt, daß die ganze Entwicklung der letzten 18 Monate viel mehr für seine These spricht als für die Zauderer intra et extra muros. Den Engländern kam diese US-Reise gar nicht sehr gelegen. Anders war der ungewöhnlich persönliche Angriff des Economist gegen den "selbstgerechten" Doktor kaum zu verstehen. Schließlich hatte er recht behalten, während die vom "Economist" seit fast einem Jahr vorausgesagte amerikanische Krise bisher nicht stattgefunden hat.

Im Gegenteil. Die Entwicklung hat einen Verlauf genommen, der die schon im Frühjahr vom Kongreß der Internationalen Handelskammer in Wien geäußerte Warnung, den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen, nur mit allem Nachdruck unterstreicht. In den letzten 18 Monaten, d. h. seit dem Tiefpunkt der Währungsreserven außerhalb der USA im März 1952 (als diese durch den Koreaboom übermäßig beansprucht worden waren) bis zum Oktober dieses Jahres, haben die Gold- und Dollarreserven außerhalb der USA um mehr als 3 Mrd. $ zugenommen. Die Zunahme hat sich im Oktober und November fortgesetzt. In dem gleichen Zeitraum haben sich die Wechselkurse auf den freien und schwarzen Märkten mehr und mehr den offiziellen Kursen angepaßt. Die DM steht in der Schweiz auf pari, der französische Franken in New York kaum schlechter. Differenzen von 10 v. H., wie sie vor dieser Zeit an der Tagesordnung waren, sind kaum noch irgendwo zu finden. Der Goldpreis auf den freien Märkten ist so weit zurückgegangen, daß er ziemlich auf dem offiziellen Niveau von 35 $ je Unze liegt. Vor zwei Jahren lag er zwischen 50 und 60 $!

Daraus läßt sich folgern, daß mehr und mehr Volkswirtschaften zum Gleichgewicht zurückgekehrt sind und sowohl im Inland wie im Ausland das Vertrauen in ihre Währungen stärken könnten. Das ist um so bemerkenswerter, als gerade dieses Jahr im Zeichen einer praktischen Durchsetzung der Käufermärkte und damit eines sich mehr und mehr verschärfenden Wettbewerbs stand. Es besteht auch kein Anlaß, an einer Fortsetzung dieser Entwicklung zu zweifeln. Im Gegenteil, jedes Land und jede Exportfirma weiß über diesen sich verschärfenden Wettbewerb ein Lied zu singen ...

Wenn angesichts einer solchen Entwicklung die Währungsreserven ständig zugenommen haben, so kann das nur als Stärkebeweis gewertet werden. Allerdings bedeutet es aber auch einen ständigen und vermehrten Druck, die Kosten zu senken. Können und tun die europäischen Länder das, so behalten und vergrößern sie ihre Chance, sich auf dritten Märkten auch gegen die amerikanische Konkurrenz zu behaupten.

Das gilt nicht weniger, sondern mehr, wenn die US-Auslandshilfe bei gleichzeitigem Verschwinden der Verkäufermärkte nachläßt. Schließlich waren die amerikanischen Exporteure nicht die letzten Nutznießer dieser Auslandshilfe. Auch für sie wird es nun zunehmend schwieriger, auf dritten Märkten zu verkaufen. Sie werden daher das tun, was beispielsweise innerhalb des EZU-Raumes schon seit langem der Fall, ja geradezu die Quintessenz der ganzen EZU ist, nämlich danach trachten, daß die Partnerländer weder mit mangelnder Konvertierbarkeit ihrer Währungen noch mit quantitativen Importrestriktionen gegen den US-Export diskriminieren.

Damit bekommt der "convertibility drive" eine wesentlich größere Stütze seitens der USA, als es bisher der Fall war, was auch Erhards Presseerklärung den nötigen Hintergrund verleiht, drüben "eine weitgehende Übereinstimmung der Auffassungen" gefunden zu haben. Das war bei Butlers britischen Konvertibilitätsplänen im Frühjahr ebensowenig der Fall wie im Sommer bei den deutsch-englischen Gesprächen.