Von unserem Korrespondenten

K. W., Berlin, im Dezember

Wie bereitet der Osten die Berlin-Konferenz vor? Äußerlich läßt er kein organisatorisches Interesse spüren. Zu dem vom Westen vorgeschlagenen Tagungstermin des 4. Januar und zum westlichen Vorschlag, im Westberliner Gebäude des ehemaligen Kontrollrats zu tagen, gibt es keine östliche Äußerung. Molotow läßt die vermutlichen Konferenzpartner warten. Der Grund der Verzögerung ist diesmal nicht wie sonst in dem russischen Temperament zu suchen. Am 4. Januar kann es, aller Wahrscheinlichkeit nach, keine verhandlungsfähige französische Regierung geben, Frankreich würde zu diesem frühen Termin in Berlin, nur durch einen geschäftsführenden Minister vertreten sein. Nie aber war Moskaus Interesse an der Anwesenheit Frankreichs auf einer Viererkonferenz größer als heute.

Auf vier Punkte gründet Moskau die Meinung, daß der Zeitpunkt erreicht sei, um auf einer Viererkonferenz die westliche Front aufzuweichen: erstens sei es der kommunistischen Propaganda gelungen, nach eineinhalb Jahren die Idee der Europaarmee ganz allgemein fragwürdig zu machen; zweitens sei es durch ständig gesteigerte diplomatische und agitatorische Einwirkung möglich geworden, gegen den aus Frankreich stammenden Plan der EVG in Frankreich selbst eine Front der politischen Ablehnung zu mobilisieren; drittens sei die Bermuda-Konferenz dank des französischen Unbehagens gegenüber allen amerikanischen Konzeptionen zum ersten Male eine West-Konferenz ohne Ergebnis gewesen; viertens zeichneten sich heute die ersten Merkmale einer amerikanischen Isolierung im Westblock ab.

Nach der Ansicht Moskaus ist die Konstellation für den sowjetischen Standpunkt noch nie so günstig gewesen wie heute. Alle diese von Moskau verzeichneten Moskau genehmen Entwicklungen basieren auf der Notwendigkeit, den französischen Partner mindestens zum Unsicherheitsfaktor ersten Grades in der westlichen Allianz zu machen. Das wird jetzt mit diplomatischen und propagandistischen Mitteln aller Art versucht. Moskaus Diplomatie tut es direkt; das tun aber auch die diplomatischen und politisch-propagandistischen Stellen seiner Satellitenstaaten einschließlich der "Deutschen Demokratischen Republik". So wendet sich eine polnische Note – die erste, die Polen seit Kriegsende geschickt hat – an Frankreich und an die von Hitler 1939 und 1940 angegriffenen europäischen Nachbarstaaten Deutschlands. Ihr Thema ist, in Deutschland wachse unter Adenauer ein neuer Revanchemilitarismus heran, der wegen seiner Förderung durch das starke Amerika real sei und für alle europäischen Nachbarn Deutschlands wirkliche Gefahren heraufbeschwöre.

Die europäische Sicherheit ist durch die deutschamerikanische Militärallianz in Gefahr: mit diesem Alarmsignal will Moskau für die Viererkonferenz die labilen europäischen Partner Amerikas gewinnen. Zu diesem Zweck wurde die sowjetzonale Volkskammer einberufen; sie sollte das französische Parlament warnen. Elsaß-Lothringen, ja, die französische Sicherheit im ganzen seien bedroht, wenn die Bundesrepublik Mitglied der Europaarmee würde, beschworen die ostdeutschen Kommunisten die Franzosen. Ulbricht malt ihnen den bundesrepublikanischen Teufel an die Wand und bietet den Franzosen statt dessen ein Bündnis mit dem Deutschland an, das wie im Osten Polen so im Westen Frankreich zum friedlichen. Nachbarn machen könnte. In Tausenden von Funktionärsversammlungen, die landauf, landab in der Sowjetzone veranstaltet werden, wird Frankreich plötzlich mit dem Titel "die große Nation" umworben. Eine Sondertagung des "Deutschen Friedenstages" in Weimar lobt den französischen Patriotismus und Frankreichs Kampf für die abendländische Kultur und die Sicherheit Europas. Den französischen Kommunisten wird attestiert, sie hätten mit dem Kampf gegen die europäische Einigung den unausbleiblichen Sieg der "sowjetischen Friedensmacht" weitgehend vorbereitet.

Der Moskauer Rundfunk und die Prawda machen reale politische Angebote. Man bedauert Frankreich, weil seine westlichen Mitpartner offensichtlich seine Stärke und die Intensität seiner politischen Leistung gering bewerten. Den Hinweis des Sprechers der französischen Regierung, die Sowjets sollten ihren guten Willen Frankreich gegenüber auf der Berliner Viererkonferenz beweisen, beantworteten die Sowjets mit dem Satz, das werde Moskau ganz gewiß tun, indem man die französischen Sicherheitsbestrebungen unterstütze. Und dafür wird nun in der Prawda ziemlich deutlich angedeutet, wohin die sowjetische Verhandlungstaktik für Berlin zielt.