Es ist eine sehr schöne Ausstellung von Werken Oskar Schlemmers, die jetzt in der Kestner-Gesellschaft in Hannover gezeigt wird und die vorher in Stuttgart und München zu sehen war, eine Ausstellung, die uns nachdenklich stimmen sollte. Woher kam es, daß wir ihn, als er lebte, in seiner Größe nicht erkannt haben, wieso stand er unter den Bauhaus-Künstlern immer an zweiter Stelle hinter den Jawlensky, Kandinsky, Feininger und Klee? Weshalb hat er, der am meisten von allen deutschen Künstlern seiner Zeit die Gesetze der Wandmalerei erkannt hat und beherrschte, nur einen einzigen monumentalen Auftrag erhalten – für das Folkwang-Museum in Essen –, der nie zur Ausführung gelangte? Gewiß, durch die Hitlerzeit wurde sein Aufstieg jäh unterbrochen. Aber da war er doch bereits 45, und hatte einen großen Teil seines Werkes – er starb neun Jahre später – schon vollendet. Es müssen andere Gründe gewesen sein, die uns den Zugang zu seiner Kunst erschwert haben – allgemeine und besondere.

Wir sehen heute die Kultur der Weimarer Zeit im Kontrast zu den Jahren, die ihr folgten, in einem rosigen Licht und vergessen ganz, daß es zwar eine moderne Gesinnung gab, daß sie aber sehr umstritten und keineswegs einheitlich war, lange nicht so verbreitet und anerkannt wie heute etwa die abstrakte Malerei und die neue Baukunst. Das machte den Zugang zu dem Werk des einzelnen Künstlers sehr viel schwieriger. Man mußte sich jedesmal das Verständnis neu erobern. Und was nun Jim besonderen Schlemmer betraf, so wirkte seine Kunst spröde. Es war schwer, sich ihr zu nähern.

Man hat von der Musik gesagt, sie sei insofern der Malerei überlegen, als sie die Form der Variationen besitzt. Aber eben diese Form hat Schlemmer auch. Man könnte den größten Teil seines Oeuvre überschreiben: Variationen über ein Thema, und dieses Thema müßte heißen "Figuren im Raum". Sah man früher diese Bilder einzeln auf Ausstellungen, mit den stark vereinfachten Gestalten am Geländer, auf Treppen, im Zimmer zwischen Türen und Fenstern, dann sagte man sich: das kennst du schön. Erst wenn man sie heute eines neben dem anderen sieht, erkennt man den unendlichen Reichtum dieser Variationen, die zugleich zart und gespannt, einfach und kompliziert sind. Und jetzt, nachdem auch die späten Werke hinzugefügt sind, die entstanden, als der Maler verfemt war, und die man daher damals nicht sehen konnte, erkennt man, daß Schlemmers Schaffen den gleichen Rhythmus hatte, den wir bei allen großen Künstlern finden. In der Jugend schuf er unbekümmert ganz aus der Empfindung. Da entstanden malerisch reizvolle Landschaften, das "Jagdschloß im Grunewald", die "Roten Dächer", farbig sehr nobel, aber ohne eigentliche Beherrschung der Form und der Fläche. Dann kommt die Periode, in der er systematisch daran arbeitet, die Farbe zu meistern und die Komposition zu beherrschen. Es entstanden große Figurenbilder, von denen unter anderen eines der prunkvollsten, die "Bauhaustreppe", aus dem Besitz des New Yorker Museum of Modern Art in Hannover zu sehen ist. Dann kommt die Zeit der Reife, etwa von 1936 an, in der er das beherrscht, was er in den Jahrzehnten davor systematisch ausprobiert und sich angeeignet hat, so daß er nun wieder, wie in der Jugend, sich ganz der Empfindung überlassen kann. Die Farben haben jetzt eine erstaunliche Tiefe. Die Figuren sind dramatisch bewegt und erhalten dadurch das individuelle Gepräge eines intensiven Lebens. Da entstehen jene schönen Pastelle auf Leinwand oder Papier, die in der Materie ähnlich wirken wie italienische Fresken der Renaissance: strahlend bei aller Stumpfheit der Farben. Es ist eine herrliche Reife des Kolorits und der Form, die hier erreicht worden ist.

Ein Epilog schließt sich an: die Fensterbilder von 1942, dem Jahre seines Todes. Der Kranke malte sie in dem winzigen Zimmer, das er in Baden-Baden bewohnte, kleinformatige Bilder in Öl und Mischtechnik. Es sind wieder Figuren im Raum, aber von außen durch ein Fenster gesehen – von einem, der durch die Gewalt ausgeschlossen wurde von seiner eigenen Welt. Martin Rabe

Die Ausstellung dauert bis zum 3. Januar 1954