In New York läuft jetzt seit geraumer Zeit (im Theatersaal eines Hotels) die Aufführung einiger Einakter von Scholem Alechem. Wir sollten nicht ganz ohne Erschütterung verzeichnen, daß wir in unsern Tagen den Untergang eines Volkes mit seiner ganzen Kultur vor uns sehen. Es handelt sich um das Volk der jüdischen Dorf menschen in Osteuropa.

Die meisten Europäer können sich Juden nur als betriebsame Stadtbewohner vorstellen. Das ist ein Irrtum. Sogar im südlichen Deutschland, am Bodensee, gab es noch jüdische Landbevölkerung (und sie hat sogar in Jacob Picard, der von dar: stammte, einen Dichter gehabt, der ihr Wesen in bemerkenswerten Geschichten festhielt). Aber von weit größerem Gewicht war die "jiddische" Nation in Polen und Rußland. Sie bestand in der Hauptsache aus Nachkommen der im dreizehnten Jahrhundert aus Deutschland vertriebenen Juden; sie hatten ihre Sprache festgehalten und redeten ein Mittelhochdeutsch mit sehr wenig hebräischem und noch geringerem polnischen Einschlag. Wenn moderne Deutsche ihre Rede "komisch" fanden, so lag es nicht daran, daß sie ein "falsches", sondern daßsie ein "altes" (ein nicht fortentwickeltes) Deutsch sprachen.

Das Volk, das in dieser Sprache eine durchaus beachtenswerte selbständige Kultur entwickelte, ist im Aussterben – und das liegt am Nationalismus, den das neunzehnte Jahrhundert wohl mit geschichtlicher Notwendigkeit, aber mit vielfach schrecklichen Folgen entwickelte. Ich meine nicht nur die Mordtaten Hitlers, der allerdings den Kern der jiddischen Nation ausgerottet oder vertrieben hat, nicht nur die Neurussen, die keine jüdische Sonderheit in ihrem Machtbereich mehr dulden – ich meine auch die gut nationalistischen Bürger von "Israel", die das Neuhebräisch zur Staatssprache erhoben haben, und die das "Jiddisch" so wenig tolerieren wie das Deutsche. Eigentlich existiert vom Jiddischen nur noch die Einwanderer-Enklave in New York, die heilte wohl noch etliche hunderttausend Köpfe betragen mag, aber in dreißig Jahren sich auch im englisch sprechenden Amerika aufgelöst haben wird.

Diese todgeweihte und zum großen Teil auf ländlichem Leben gebaute Kultur hat einmal beträchtliche Werte gezeitigt. Daß sie sich schon im achtzehnten Jahrhundert in einer religiösen Bewegung, im "Chassidismus" erneuerte, wissen viele erst durch die rastlose Arbeit Martin Bubers, der dargelegt hat, wieviel tiefer Sinn (neben grotesken Auswüchsen) in dieser Glaubenserneuerung steckte. Es hat aber auch eine wertvolle, aus den besonderen Gegebenheiten der "jiddischen" Nation gewachsene, Dichtung gegeben. Sie erwuchs tragischerweise erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und hatte also kaum mehr als zwei Generationen Lebenszeit. Ihr Begründer war Mendele Mocher Sforim, der die reizenden heiter-tiefsinnigen "Fahrten Benjamins des Dritten" geschrieben hat, und ihr wohl liebenswürdigster Autor war eben dieser Scholem Alechem, dessen Geschichten von "Tewje dem Milchhändler" den rührenden Humor eines sehr guten Herzens ausströmen. Auch heute noch gibt es Autoren jiddischer Sprache – in New York natürlich. Aber Scholem Asch kommt doch nur zur Wirkung, nachdem er ins Englische übertragen ist, und ein großes Talent wie Leiwick, dessen "Golem" und dessen Lyrik großartige Momente enthalten, ist fast verstummt.

Die größte Begabung dieser todgeweihten Literatur ist aber wohl J. Perez (1852–1915). Von ihm gibt es nicht nur kurze Geschichten von wahrhaft erschütternder Kraft – unter seinen oft skizzenhaften dramatischen Versuchen findet sich ein Akt allerersten Ranges. Es ist der erste Akt eines Stückes "Die goldene Kette", das zwei weitere wiederholende und abschwächende Akte hat. Aber dieser erste Akt kann völlig für sich stehen und beruht, wie mir scheint, auf einer der glänzendsten Eingebungen, die jemals ein Dichter gehabt hat. Man muß wissen, daß "Hawdalah" das Schlußgebet des Sabbat ist. Ernst wenn das gesprochen ist, darf der All tag mit seinen üblichen Sorgen, mit Geschäften und Rechtspflege, wieder beginnen. Nun kommt ein alter, weiser Rabbi (ein Chassid) auf die Idee, nicht Hawdalah zu sprechen: "Sabbat soll sein! Ewiger Sabbat! Den Sabbat halt ich mit Zangen fest! Nicht gerichtet, nicht gestraft werde fürderhin in der Welt!" Das ist nicht weniger als die Proklamation des "tausendjährigen Reiches", des großen Friedens auf Erden. Die wenigen Frommen sind hingerissen – die vielen Praktischen murren. Und ihre kompakte Mehrheit stiftet schließlich des uralten Rabbi längst erwachsenen Sohn an, statt seines Vaters "Hawdalah" zu sprechen. Der finstere Mensch tut es. Da ist der Weltfeiertag zu Ende, die Geschäfte gehen weiter und die trübe Justiz tut wieder ihr Werk. Der Alte bricht zusammen. Ist es nicht schade um eine Kultur, die ein so großartig einfaches Sinnbild geschaffen hat für den ewig vergeblichen Kampf des Idealismus mit der Realität?