Mit der Demokratisierung des türkischen Staatswesens öffneten sich 1950 für das Land beträchtliche ausländische, vor allem amerikanische, Hilfsquellen. Umfangreiche Kapitaltransfusionen begünstigten die Bemühungen der Wirtschaftspolitiker zur Erschließung der natürlichen Hilfsquellen des Landes. Seither befindet sich die türkische Wirtschaft in einem stürmischen Entwicklungsprozeß. Aus dem gestern noch Getreide importierenden Land ist ein Agrarstaat mit beachtlichen landwirtschaftlichen Produktionsüberschüssen geworden; gleichzeitig aber ist die Wirtschaft in eine Entwicklungskrise geraten, die sich deutlich in dem nunmehr auf annähernd 250 Mill. $ angewachsenen Devisendefizit spiegelte

W. G., Istanbul, im Dezember

Die türkische Regierung hat ihr wirtschaftliches Aufbauprogramm auf die Hoffnung gegründet, daß es binnen weniger Jahre möglich sein sollte, mit einer beträchtlichen agrarischen Überschußproduktion die Exportkapazität des Landes merklich auszuweiten. Auf diesem Wege sollten wesentliche Teile des Investitionsbedarfs mit eigenen Mitteln finanziert werden, können, die Abhängigkeit der Türkei von ausländischen Hilfsgeldern also abgebaut werden. Statt dessen sollte die sich immer mehr aus sich selbstentwickelnde Wirtschaft für ausländische Investitionen zugkräftig werden. Tatsächlich ist es der Regierung in Ankara innerhalb der letzten drei Jahre gelungen, die 75 v. H. der türkischen Bevölkerung beschäftigende Landwirtschaft so weit zu technisieren und den Pro-Kopf-Anteil an der agrarischen Produktion durch Flächenvergrößerung und Intensivierung der Bewirtschaftung zu erhöhen, daß heute ein jährlicher Getreideüberschuß von etwa 3 Mill. t zur Ausfuhr bereit steht. Dieses Ergebnis ist den umfangreichen USA-Finanzhilfen zuzuschreiben und wäre ohne die von der Regierung betriebene Subventionspolitik zugunsten der Landwirtschaft kaum denkbar.

Die mit Rücksicht auf die schwere Subventionslast überhöhten türkischen Exportpreise für Agrarprodukte behinderten aber ebenso fühlbar den Export wie die entwicklungsbedingten Qualitätsmängel der Waren. Schließlich führte die seit Ende der Koreahausse herrschende Preis- und Qualitätskonkurrenz auf dem Weltgetreidemarkt zu besorgniserregenden Absatzschwierigkeiten, die endlich in die gegenwärtige Entwicklungskrise mündeten: trotz beträchtlicher Überschüsse an Exportprodukten verzeichnet die Türkei ein seit 1951 rapide steigendes Devisendefizit.

Ausgelöst wurde dieses Ansteigen des Defizits (1951/52: 135 Mill. $, 1952/53: 250 Mill. $) von den erhöhten Einfuhren im Anschluß an die 1950 erfolgte Erweiterung der Investitionsrate. Die mit den Rekordernten von 1951 und 1952 erhöhten Einkommen unterstützten das Ansteigen der Importziffern. Spekulative Einfuhren im ersten Halbjahr 1953 führten innerhalb weniger Monate das Defizit von 62 auf 135 Mill. $. Hatten bis dahin die im Rahmen der Liberalisierung getätigten Einfuhren die mit den gestiegenen Einfuhren erhöhte Nachfrage abfangen können, so brachte die Entliberalisierung im Herbst 1952 einen inflationistischen Druck, der auch durch die mit dem neuen Außenhandelsverfahren verbundene Reliberalisierung auf 25 v. H. noch nicht beseitigt werden konnte.

Nachdem die erhoffte Ausdehnung des Exportvolumens nicht in befriedigendem Maße erreicht werden konnte, das Defizit, statt zu schrumpfen, noch gewachsen ist, bemüht sich die Regierung um ausländische Finanzmittel. Nun übersteigt zwar die von türkischer Seite für notwendig erachtete Eine-Mrd.-Hilfe beträchtlich die ausländische Bereitschaft. Immerhin scheint aber nach den jüngsten Berichten über den Stand der Verhandlungen mit USA-Vertretern und der Weltbank eine beachtliche Kapitalinjektion bevorzustehen. Es handelt sich dabei um eine USA-Anleihe, die allerdings erst auf lange Sicht zu einer merklichen Erleichterung führen dürfte, während der vom Weltwährungsfonds erhoffte 20-Mill.-Kredit zweifellos geeignet sein könnte, den Abbau des Defizits zu erleichtern.

Die erhofften ausländischen Anleihen und Kredite könnten dazu beitragen, die gegenwärtige Krise zu überwinden, vorausgesetzt, daß neben dem Abbau des Devisendefizits auch die Beseitigung der beträchtlichen qualitativen Mängel türkischer Waren verfolgt wird. Investitionen sollten diesen Weg erleichtern und sollten überdies dazu verwendet werden, daß die Voraussetzungen für eine den Bedingungen des Weltmarktes entsprechende Präsentation der türkischen Waren geschaffen werden können. Neben der möglichen Steigerung der Exporte bieten sich auf dem Gebiet der Transporte, Hafenanlagen und Lagerung erhebliche Möglichkeiten, um durch Investitionen zu ansehnlichen Deviseneinsparungen zu kommen. Überdies könnte ausländisches Kapital in den Produktionsbereichen, die unmittelbar die Zahlungsbilanz beeinflussen, besonders entlastend wirken.