Der aus Wales stammende englische Lyriker Dylan Thomas ist, erst 39 Jahre alt, kürzlich auf einer Vortragsreise in New York gestorben, und erst dieser tragisch frühe Tod bringt der englischen Öffentlichkeit zum Bewußtsein, daß mit ihm wahrscheinlich der größte englische Lyriker von heute dahingegangen ist. Er war ein ungeheures Temperament, ganz Intuition und Inspiration, der Poet, der von Dionysos besessen ist. Nie ist er, wie fast alle modernen Dichter, von des Gedankens Blässe angekränkelt, alles ist Vision, strömende und überströmende Gesichter bedrängen ihn. Die Natur ist voller Gesichte und Stimmen, immer brennt wo ein Dornbusch. Es ist ein antikisch trunkener Gott, der ihn ihm singt, Pan oder Dionysos. Jede Glätte, jedes Maß verabscheut er, er kann nur im Übermaß leben Er singt das Meer, den Wind und Sturm, Donner und Blitz, Sonne und Mond, Leben und Tod. Aber "Death shall have no dominion", Tod hat keine Gewalt. Und "Licht und Dunkelheit sind nicht Feinde sondern Gefährten". Seine Verse, voll gewaltiger und bacchantischer Musik, speit er hervor wie ein Vulkan Lava speit. Gleich Christopher Fry, mir dem er manche Gemeinsamkeit hat, ist er vom Wort, das ihn berauscht, trunken und besessen. Er schreibt förmlich wie in Trance. Und wenn manche Leute ihn für unklar halten, so übersehen sie, daß es seine Flamme ist, die sie verhindert, klar zu sehen.

Sein ekstatisches Leben war eins mit seiner Kunst. Er war nicht die heute bei Literaten so übliche Mischung aus Geist und Merkantilismus, er entsprach noch der alten Vorstellung des besessenen Dichters. Nie ist er ganz hier beheimatet, nie ganz nüchtern von dieser Welt, immer voll Unruhe, niemals ist Rast und Stille um ihn. Sein Tod war elementar wie sein Leben, wie sein Werk. In Amerika, auf einer seiner Vortragsreisen, befiel ihn eine geheimnisvolle Erkrankung des Gehirns, die ihn nach ein paar Tagen Bewußtlosigkeit auslöschte wie einen ausgebrannten Vulkan. Erst spätere Generationen werden die Bedeutung dieses Frühvollendeten erkennen und seinen Namen zusammen mit Shelley und Keats nennen oder mit Rimbaud oder Hölderlin, seinen Brüdern im Geiste. R. S.