Es sei bedauerlich, daß die Energiewirtschaft ihre Meinungsverschiedenheiten durch einen Denkschriftenkrieg in die Öffentlichkeit trage, äußerte dieser Tage ein angesehener deutscher Elektrizitätswirtschaftlicher. Er spielte damit auf umfangreiche Publikationen des deutschen Kohlenbergbaues, der deutschen Verbundgesellschaft (DVG), des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), und der Arbeitsgemeinschaft regionaler Elektrizitätswerke (ARE) an, die seit 1951 ihre Auseinandersetzungen um den Standort der Stromerzeugung schwarz auf weiß geführt haben ...

Ist dieser Aufwand nutzlos vertan, war die öffentliche Diskussion vom Übel? Heute, wo ein gewisser Abschluß erreicht ist, kann man diese Fragen verneinen. Die Standpunkte haben sich in entscheidenden Punkten weitgehend genähert. Dogmen und Schlagworte sind gründlich durchleuchtet und vielfach ihrer Faszination beraubt, Argumente sorgsam nach allen Seiten hin unter die Lupe genommen und entweder gestützt oder hinweggefegt worden. Und schließlich: wen gehen Zuverlässigkeit und Kosten der Stromversorgung nichts an?

In einer vom Bundeswirtschaftsministerium veranlaßten Untersuchung über die Ergebnisse des Denkschriftenkriegs schreibt Oberbaurat Bantzer: "... erscheint es nicht angängig, die Stromerzeugung aus Steinkohle im Ruhrgebiet zu konzentrieren und sie damit von allen möglichen Störungen in diesem Gebiet abhängig zu machen. Die zechenfernen Kraftwerke unterhalten ein Kohlenlager, das in der Regel für einen dreiwöchigen Bedarf aufgefüllt ist. Weder die reinen. Zechenkraftwerke noch die Braunkohlenkraftwerke verfügen über Kohlenbestände, die den Betrieb länger als einige Stunden gewährleisten können." Ein Bergarbeiterstreik an der Ruhr würde also fast sofort Wirtschaft und Verkehr, Glühlampen und Rundfunkgeräte im gesamten Bundesgebiet lahmlegen, wenn allein den zentralen Dampfkraftwerken die Stromversorgung anvertraut wäre.

Daran aber denkt heute kein ernstzunehmender Energiewirtschaftler mehr. Selbst die Verbunddenkschrift sagt, daß "die Stromerzeugung in den Schwerpunkten des Verbrauchs nicht vernachlässigt werden darf und ihren Platz im Großverbund ebenso findet wie die standortgebundene Stromerzeugung auf den natürlichen Energievorkommen." Die kommunale Energiewirtschaft erkennt ihrerseits an, daß der Transport von Wasserkraft, Braunkohle und Ballastkohle (nicht marktfähige, minderwertige Steinkohle) unmöglich oder unrationell wäre, diese Energiequellen also am Ort der Gewinnung in Strom umgewandelt werden müssen.

Bleibt die Frage, ob Dampfkraftwerke, die mit "guter", marktfähiger Steinkohle arbeiten, für die Bedarfsdeckung in Zukunft überhaupt entbehrlich werden. Eine Steigerung der Stromerzeugung aus Braunkohle allein kann das nach allgemeiner Ansicht nicht bewirken, zumal die bisherigen Braunkohlenlager großenteils bald erschöpft sein werden und der dann erforderliche, technisches Neuland darstellende und kostspieligere Tieftagebau mancherlei Probleme aufwirft.

Hingegen hat der Steinkohlenbergbau eine Erzeugung von 20 bis 25 Mrd. kWh aus Ballastkohle in Aussicht gestellt. Prof. Marguerre hingegen, Altmeister der deutschen Elektrizitätswirtschaft und Leiter einer Studiengruppe kommunaler und regio-

naler Werke, errechnet eine Höchstgrenze von zu-