Von Martin Rodewald

Der "Dezemberfrühling" der ersten Adventstage dieses Jahres, der die Temperaturen in Norddeutschland zeitweise bis auf 16 Grad, in Südwes:deutschland bis auf 18 Grad hochtrieb, hatte, als Steigerung einer schon im Oktober und November aufgetretenen Wärme- und Trockenheitstendenz, auch seine Schattenseite. Die Vorräte der Talsperren gehen zur Neige, Donau, Rhein und Weser führen so wenig Wasser, daß die Schiffahrt behindert oder lahmgelegt ist. Kein Schnee in den Mittegebirgen und zu wenig Schnee in den Alpen –: ein Zustand, der den Einwohnern der Winterkurorte Sorgen bereitet. An manchen Orten sind sogar die Brunnen versiegt. Das Ausmaß dieser bei uns möglichen Witterungsschwankungen von Jahr zu Jahr wird durch zwei Zahlen deutlich: Die höchste deutsche Wetterstation, die Zugspitze, meldete an 7. Dezember 1952 370 cm Schneehöhe, am 7. Dezember dieses Jahres 10 cm! – Ja, kann man es denn nicht künstlich regnen oder schneien lassen? Hat nicht die Stadt New York sich ganz offiziell den Experten Dr. Howell als Regenmacher verpflichtet, als sie vor drei Jahren in Wasserversorgungsschwierigkeiten geriet? Goethes "Zauberlehrling" wurde fast beschämt durch jene Story, in dervon einem Wettermacher berichtet wurde, der in den Bergen des amerikanischen Westens persönlich einen solchen Schneesturm in Szene setzte, daß er in den Schneemassen begraben wurde und erst vor Rettungskolonnen mühevoll geborgen werden mußte.

Solche Meldungen sehen nach Anekdoten aus und stimmen skeptisch. Aber immerhin ist es ein Nobelpreisträger (für Chemie), Prof. Irving Langmuir der als einer der ersten Vorkämpfer und Experimentatoren der künstlichen Regenerzeugung auftrat. Das Forschungsinstitut der General Electric unterstützt seine und seiner Mitarbeiter V. J. Schaefers und B. Vonneguts Untersuchungen. Kostspielige Experimente, an denen Flugzeuge und Radargeräte beteiligt waren, wurden durch den amtlichen Wetterdienst im Verein mit der Luftwaffe unternommen. Schon schlossen Farmerverbände Kontrakte mit Regenfabrikanten ab, und "wilde Wettermacher" – ein neuer amerikanischer Begriff analog dem der "wilden Buchmacher" – wurden schließlich durch ein Gesetz, das die staatliche Kontrolle auf diesem Gebiet vorsieht, gehindert, allzu üppig ihren Erwerbszweig ins Kraut schießen zu lassen. War es doch drüben schon zu einer Art Psychose gekommen: Wenn nicht die Atombomben versuche, so schienen die cloud seedings – die "Wolkenimpfungen" – der Wettermacher an allen extremen Wetterereignissen schuld ...

Wie rasch dieLaune der Natur zu einer (falschen) Volksmeinung führen kann, dafür lieferten die Regenerzeugungsexperimente, die Dr. W. E. Howell in der Umgebung von New York anstellte, ein Beispiel. An dem Frühlingstage, für den er einen großen Versuch angesetzt hatte, gab es in der Stadt einen solennen und für die Jahreszeit ganz ungewohnten Schneefall – allerdings bevor der Versuch überhaupt gestartet war. Erfolg: eine Flut von Anrufen und Beschwerden. Wer aber hätte Howells Beteuerung, daß er an diesem Schneesturm völlig unschuldig sei, überhaupt noch geglaubt, wenn der Schnee zufällig einige Stunden später, nach seinem Versuch, gekommen wäre? Vielleicht hätte er sogar selbst sich schuldig gefühlt, allerdings wohl ohne einen ähnlichen Ausspruch zu tun wie jener höhere türkische Offizier im ersten Weltkrieg, der schon zu den Wetter vorhersagen der damals in Kleinasien tätigen deutschen Meteorologen bemerkte: Il ne faut pas se mêler dans les affaires de Dieu – man sollte sich nicht in die Angelegenheiten Gottes einmischen.

Dem Zeitalter der Technik steht diese Pietät fern. Wenn der Mensch es regnen oder schneien lassen kann, so tut er’s auch. Aber kann er es? Eine kurze Meldung aus Pretoria, die unlängst auftauchte, hieß: In der Südafrikanischen Union sind die Versuche zur künstlichen Regenerzeugung nach fünfjähriger Dauer eingestellt worden, da die ökonomische Bedeutung sich als zu gering erwies...

Und dies muß man auch als Fazit der Versuche, die in den USA, in Kanada, Australien, Britisch-Ostafrika, auf Puerto Rico und Hawaii bisher angestellt wurden, ansehen: Wir sind noch nicht so weit. Dennoch waren die Experimente nicht ohne wichtige Ergebnisse. Man hat viel gelernt. Mit einer relativ sehr kleinen Menge "Trockeneis" (feste Kohlensäure) oder Silberjodid und ähnlichen Substanzen kann man heute immerhin schon eine recht große Wolkenmasse, die aus flüssigen "unterkühlten" (Temperatur unter 0 Grad) schwebenden Tröpfchen besteht, in eine Wolke von Eiskristallen umwandeln. Der bei Wolken nicht seltene unterkühlte Zustand ("Gefrierverzug") ist gewissermaßen ein labiler Zustand, bei dem eine Injektion, eine Impfung, genügt, um eine epidemisch um sich greifende Kristallisation hervorzurufen. Leider aber ist der Ertrag der so behandelten Wolke meist nur gering. Oft ist das Resultat nur eine Wolkenauflösung –: der leichte Niederschlag verdunstet unterwegs und erreicht nicht den Boden, Und die Fälle, in denen es zu starkem Niederschlag kam, waren Ausnahmen von der Regel. Zudem ist es auch so: die bekannten Vorbedingungen, die für die Erzeugung künstlichen Niederschlags günstig erscheinen, sind praktisch dieselben, die auch zu natürlichen Niederschlägen führen. Wenn eine "geimpfte" Wolke wirklich einmal tüchtig Schnee oder Regen hergab, so geschah das an einem günstigen Tage, an dem die Wolke, sich selbst überlassen, wahrscheinlich auch ihre Pflicht getan hätte – höchstens etwas später. Unseres Wissens gibt es nur einen einwandfrei belegten Fall – aus Australien. – in dem eine geimpfte Wolke sich zu einer starken Schauerwolke entwickelte, während hunderte anderer weit und breit "normal" blieben.

Wenn auch die Versuche manches gelehrt haben, so waren sie doch vielleicht etwas verfrüht. Verfrüht insofern, als man der Natur etwas nachzumachen versuchte, was man im letzten noch keineswegs geklärt hat. Weshalb es nämlich – in natura – schneit oder regnet: genau weiß man das noch gar nicht. Man hat zwar einiges darüber erfahren – und gerade ehemalige Hamburger Forscher wie A. Wigand, W. Findeisen und neuerdings C. Junge waren bei der Entwicklung der Wolkenphysik bahnbrechend beteiligt –, aber eine befriedigende, alles erklärende Theorie der Niederschlagsbildung steht noch aus.

Der Meteorologe hat’s also auch in diesem Punkte nicht leicht. Er kann den prächtigen Wolkenhimmel nicht in sein Laboratorium sperren und damit experimentieren. Man verlange einstweilen nicht von ihm, daß er Frau Holle spiele. Ist er doch froh, wenn’s ihm nur gelingt, ihr in die Karten zu sehen und richtig vorherzusagen: Kinder, morgen schneit’s!