Schleswig-Holstein

H. M., Wedel in Holstein

Durch die Blätter rauscht eine Nachricht, die zwar neu scheint, aber eine stattliche Ahnenreihe hat: Die FDP-Fraktion des Niedersächsischen Landtages schlägt vor, die Insel Helgoland, heute verwaltungstechnisch Bestandteil des Landes Schleswig-Holstein und zwar des Kreises Pirneberg, solle zu Niedersachsen und zwar zum Kreis Hadeln geschlagen werden. Begründet wird der Antrag damit, daß Helgoland, was man gar nicht mal bestreiten kann, wirtschaftlich mehr mit Cuxhaven und dem diese Stadt umgebenden Kreis Hadeln zu tun hat, als mit dem 100 Kilometer weiter entfernten Kreis Pinneberg. Gerichtlich gehöre Helgoland schon jetzt zu Cuxhaven, auch sei diese Stadt sozusagen "Absprungbasis" für Helgoland. All das mag richtig sein, aber genügt es?

Schaden wir zurück –: Auch in der dänischen und besonders in der englischen Herrschaftszeit war die kulturelle Verbindung nach Schleswig-Holstein ausgerichtet: Tönning, Husum, Schleswig waren die Städte, aus denen die neuen Lehrer, die neuen Ärzte und die Geistlichen nach Helgoland überwiesen wurden. Zwar war Cuxhaven von Anbeginn des Seebades Helgoland der Hafen, aus dem die Gäste über See kamen, aber dennoch ließ sich die Bindung an Schleswig-Holstein über die vielhundertjährige Verbindung über Gottorp nicht leugnen. Als Helgoland wieder an Deutschland fiel – 1890 – wurde die Verwaltung über die Insel an die inzwischen auch wieder deutsch gewordene Provinz Schleswig-Holstein gegeben. Bis zum Ende des ersten Weltkrieges gab es auf Helgoland keine Änderungswünsche. Es saß auf der Insel ein landrätlicher Hilfsbeamter, meist ein sehr umgänglicher junger Assessor, der das "bißchen Regierung", das notwendig war, ausgezeichnet "machte". 1918 aber fegte eine separatistische Welle über die Insel. Eine querköpfige Gruppe von Helgoländern, die englisch versippt war, wollte zu England zurück oder zu Dänemark. In London schüttelte man nur den Kopf; in Kopenhagen freilich wurden die Ohren gespitzt. Doch Helgoland blieb deutsch, was es ja – unter welcher Flagge auch immer – stets gewesen war.

Im August 1921, als man den kleinen Fehltritt vom Winter 1918 eben vergessen hatte, kam eine neue Bewegung ins Rutschen: "Helgoland zu Hamburg." Man muß sich dabei immer daran erinnern: Cuxhaven war damals noch hamburgisch, Neuwerk auch, Scharhörn, von wo aus man Helgoland fast sehen kann, desgleichen. Doch der Senat der großen Hansestadt, ja sogar die Reeder, deren Schiffe Helgoland anliefen, lehnten einmütig ab. Das verdroß die Querköpfe, und schon im Oktober des gleichen Jahres hieß es, man wollte der Regierung in Kiel, besser noch der in Berlin, sozusagen landesunmittelbar unterstellt sein. Eine Zeitung schrieb damals, man möge Helgoland zur Kolonie machen. Darüber waren wieder die Helgoländer böse; und der Plan der Querköpfe endete im Gelächter, das immer tötet.

Inzwischen war ein Sachse zum Gemeindevorsteher gewählt worden, weil die Helgoländer sich lieber einem Fremden beugten, als einem Landsmann, den sie ja bis in seinen Wäscheschrank und seine Speisekammer hin ein kannten. Dieser Beamte war bisher Bürgermeister und Kurdirektor des kleinen Bades Lausigk bei Leipzig gewesen. Er brachte diese beiden Titel nach Helgoland mit, und von da an hatte die Insel einen Bürgermeister. Damit dies auch in Zukunft so bliebe, wurde die Forderung aufgestellt, Helgoland müsse eine Stadt werden. Immerhin wurde Helgoland kreisfreie Landgemeinde: Die Insel hatte für ihre noch nicht einmal 3000 Einwohner einen eigenen Landrat und war vollkommen selbständig unter der Regierung in Schleswig-Holstein (Regierungsbezirk) und Kiel (Provinz). Der Landrat war ein in Preußen verdienten ehemaliger Major, der durch geschickte Verhandlungen in Oberschlesien verhindert hatte, daß die wertvollen Delbrückschächte an Polen fielen. Die Regierung hatte wohl geglaubt, auf Helgoland sei ihm mit dem Posten ein otium cum dignitate zuteil geworden. Weit gefehlt! Er bekam wohl bald den Eindruck, in einer Miniaturausgabe der Hölle gelandet zu sein.

Denn die Querköpfe hatten sich als Verbündeten den damaligen Landrat des Kreises Hadeln ausgesucht; er hieß – Kopf. Ihn gewann man für einen neuen Anschlußgedanken: Helgoland sollte zum Kreis Hadeln kommen, und zwar war daran die Forderung geknüpft, das "Kleinod der Nordsee" sollte Stadt werden, um dafür entschädigt zu sein, daß man den eigenen Landrat verlöre. Das war im Februar 1931. Aber schon im März wurde bekannt, daß der Landrat Kopf nach Berlin versetzt worden wäre. Er kam ins Polizeipräsidium, sogar noch im März des gleichen Jahres. Dieser Vorgang bestärkte die Männer, die von Schleswig-Holstein wegstrebten, in der Auffassung, bald am Ziel ihrer Wünsche zu sein. Es war jedoch ein Irrtum. Denn im Mai ließ die preußische Regierung dem Landtag mitteilen, daß es für sie keine "Helgolandfrage" gebe und daß alle Eingaben, Denkschriften, Drucksachen und ähnlichen Papiere, die sich mit diesem Problem befaßt hätten, in einem keineswegs dünnen Aktenstück geheftet, dem Archiv einverleibt worden seien.