III. Verwandte sind auch Menschen – Gebt Öl auf eure Umgangsformen – Heiteres Texas / USA-Beobachtungen von Eka v. Merveldt

El Reno (Oklahoma)

Wer hat nicht schon kühle Reserviertheit kennengelernt, wenn er bei uns in Deutschland in einen Kreis fremder Menschen geriet, von dem er nicht erwartet wurde! Man muß dann oft erst einen anstrengenden Tanz aufführen zu dem Rhythmus: "Wer bist du – was kannst du – was willst du?", ehe man herausbekommt, ob man von den Betrachtern rundum akzeptiert wird. In Oklahoma, bei der Verwandtschaft, sollten mir im Vergleich zu der heimischen Sippe plötzlich die amerikanischen Wesenszüge vertraut werden: Offenheit und Großzügigkeit, resolute Lebensbejahung und bei nüchterner Sachlichkeit herzliches Vertrauen.

Die äußere Familienähnlichkeit war eine fröhliche und naive Täuschung. Hier saß ich im großen, komfortabel und farbig-heiter möblierten Wohnraum eines weißen, weitläufigen Hauses im kleinen Städtchen El Reno im Mittelwesten der Staaten; ich saß zwischen den beiden Witwen der eingewanderten Merveldts. Da waren außerdem zehn Söhne und Töchter; da waren die dazugehörigen Männer, Frauen, Kinder, und manche Gesichter erinnerten mich an die alten Familienporträts, die ich in den westfälischen Häusern gesehen hatte. Aber niemand in diesem Kreis sprach deutsch, ich war bei Amerikanern.

Die amerikanische Lebensart war nicht nur an den auch in diesem Haus von Fluren, und Gängen zu den vielen Schlafzimmern und Bädern, zur Küche offenstehenden Türen zu merken, die deutlich ein Zeichen des gar nicht mißtrauischen, das "Ich" nicht abgrenzenden Savoir vivre sind. Der Nachbarin, die mit einem aus der Küche schallenden "Hay" nach Eis fragt, wird ein bequemes "Help yourself" zugerufen, und sie geht selbst an den Eisschrank. Kinder von Freunden durchstreifen das offene Haus, und auch die ungehemmte Selbständigkeit der Kinder ist "typisch amerikanisch".

Seit ich amerikanischen Boden betreten hatte, genoß ich die gleichmäßig temperierte Atmosphäre der menschlichen Beziehungen in diesem Land: die so geschmeidigen, geölten Umgangsformen. Ich war inzwischen damit vertraut, daß ich für den Zeitungshändler Honey und für die Warenhausverkäuferin dear war; ich benutzte die Wendungen "Watch your step" und "Take it easy" schon im Traum und hatte nicht nur die neuen bebopamerikanischen Ausdrücke "Play cool" und "Don’t panic", sondern ich hatte mir auch eine weitere, zugleich überraschend simple wie tiefgründige und aufschlußreiche Lebensweisheit zu eigen gemacht: "I have fun even nahen I am bored." Die bereitwillige Freundlichkeit auch unter den anstrengendsten und schwierigsten Verhältnissen ist betörend; die ständige wörtliche Versicherung des allgemeinen Wohlwollens noch mehr. Man weiß hier, daß Mattigkeit und schlechte Laune das gemeinsame Leben zur Hölle machen können, man überwindet sie demonstrativ und wird nicht müde, die nichtssagenden, aber lindernden Formeln hundert- und mehrmal am Tag zu wiederholen, im Büro, in der Fabrik, im Drugstore, auf der Straße: "How are you to day, Jim?" – "Fine, Mike. And you?" – "It was a great pleasure to meet you..", "Come again...", "You are welcome..."

In El Reno erfuhr ich, daß dicht hinter den glatten und zutraulichen Formeln Herzlichkeit und überwältigende Gastfreundschaft wohnen. Mindestens eine halbe Stunde hatten sich die versammelten fremden Vettern, Tanten, Nichten, die in Tagesreisen sogar aus anderen Staaten herbeigeeilt waren, freundschaftlich gestritten, bei wem ich wohnen, frühstücken, lunchen und das dinner nehmen sollte, in welchem Auto ich fahren, welche Rand ich zuerst sehen sollte.