Houston (Texas)

In Houston begann es genau so, wie sich ein Story-Leser die Ereignisse bei seiner Ankunft in Texas vorstellt: Der schwatzhafte, temperamentvolle Taxichauffeur erzählte im singenden Tonfall des amerikanischen Südens die wilde Geschichte eines von Racketeers Verfolgten. Der Flüchtige hat ihm, als die Taxe nach einer Tagesfahrt 60 Dollar betrug, seinen eigenen Wagen, den er in der Eile in einem Motel gelassen hatte, für 100 Dollar verkauft und obendrein eine Pistole, ebenfalls für 100 Dollar. "Er hatte die Lizenz, es hatte alles seine Richtigkeit", sagte der Taximann, "aber was mache ich nun mit zwei Pistolen?" "Wieso zwei?", frage ich. "Na, eine hatte ich doch schon. Glauben Sie, hier fährt ein Taximann ohne gun herum? Kann doch jeder hinten bei uns einsteigen, ohne daß wir fragen dürfen, wer er ist. Und Sie können sicher sein, daß hinter jeder Kasse in dieser Stadt eine Pistole liegt", und dabei deutete er wild gestikulierend auf die Schaufenster der Restaurants und Drugstores, an denen wir vorbeifahren. "Und die Polizei?", frage ich. "Ist sie hier nicht ‚dein Freund, dein Helfer‘?" – "Schon, schon", sagte der Taximann, "aber wie glauben Sie, kann die Polizei immer da sein, wo etwas passiert?" Plötzlich war eine dritte Stimme in unserem Wagen. Nachdem der Taximann die Meldung aus dem Sprechfunk entgegengenommen hatte, lachte er breit. "Sehen Sie, ich habe es ja gewußt. Vorhin, als Sie einstiegen, wartete ich auf ein Mädchen, das nur mal schnell Geld wechseln wollte, um mich zu bezahlen. Eben hat sie anrufen lassen. Ich soll das Geld bei ihr abholen..." Verwirrt stieg ich aus.

Die Wände meines Hotelzimmers hatten eine Farbe von braunrotem Fell, was mich nicht weiter wunderte im Staat der acht Millionen Rinder. Mit einem großen Korb gelber Chrysanthemen hatte mir der Hotelmanager einen echt texanischen Empfang bereitet. Hier war ich nun also im kolossalen Texas, dem Staat, in dem man von einem Ende zum anderen die Strecke von Berlin nach Paris durchmißt. Die großen Autos mit dem Schildchen "Made in Texas by Texans for Texans" haben hier das richtige Maß und auch die "Ten gallon"-Hüte fallen nicht auf, die sich in Paris, wenn sie in der Garderobe der Falles Bergères an den Haken hängen, so groß ausnehmen. Houston, so erfuhr ich, hat mehr Millionäre pro Quadratmeile als irgendeine andere amerikanische Stadt. In den Südstaaten hat der große Boom begonnen: Öl, Erdgas, Magnesium und andere Bodenschätze haben über Nacht große Industrien entstehen lassen. Im Shamrock-Hotel l zu Houston, dem zweitgrößten in den Staaten, gibt es Appartements, die 100 Dollar pro Nacht kosten. Sie sind für Monate gemietet und werden von den Mietern nur gelegentlich benutzt. Noch steht das Hotel, das seinen Namen von einer irischen Blume hat, weit außerhalb der Stadt, aber der Manager sagt zuversichtlich: "Die Stadt wächst langsam auf uns zu. Als wir vor ein paar Jahren bauten, war hier Einöde. Wer damals hier in der Nähe ein Stück Land kaufte, ist heute ein wohlhabender Mann."

"For coloured women"

"Foley’s", ein gewaltiger Steinbaukasten ohne Fenster in Houston, ist das größte Warenhaus im Land, das nach neuen Prinzipien eingerichtet wurde. Es hat lauschige Ecken, die wie heitere ländliche Märkte wirken. Man bringt die Verkäuferinnen in Verwirrung, wenn man bar bezahlen will, da, wie in allen anderen Warenhäusern, auch hier der Kreditverkehr herrscht. Zu den größten Abteilungen dieses Hauses gehören die Postzentrale, wo telefonisch und auf Karten die schematischen Bestellungen aller Arten von Waren nach Nummern des Kataloges eingehen, und die unterirdische Versandabteilung, wo die Pakete auf mehretagigen Fließbändern in die bereitstehenden Transportautos rollen. Im "Restroom" dieses Hauses wurde mir, als ich vor den Türen "for Ladies" und "for coloured women" stand, durch einen Schock klar, daß ich mich in einem Südstaat und damit im Mittelpunkt der Negerfrage befand.

Eine fremde Dame hatte im Hotel angerufen und gefragt, ob sie mir in ihrem Auto ein bißchen die Stadt zeigen dürfte. "Ich möchte gern", begann sie ziemlich unvermittelt, als wir an den Hafen am Golf von Mexiko hinausfuhren, "ich möchte gern, daß Sie wissen –: auch hier im Süden gibt es Weiße, die keine Trennung zwischen uns und Negern wollen. Die Schwarzen sind nun schon so lange in diesem Land, daß ich der Meinung bin, sie haben ältere Anrechte als manche neuen Einwanderer."

Wir fuhren gerade an einer ziemlich baufälligen, schmutzigen Neusiedlung vorbei, aber auf den Dächern waren Television-Antennen, und in den Straßen standen leuchtendbunte Autos. Vor einem dieser Häuser saßen drei schokoladenfarbene Jungen und bliesen, so laut sie konnten, Trompete. Es schien also noch ganz wie zu Louis Armstrongs Zeiten zu sein. "Ich kenne schwarze Putzfrauen", so fuhr meine Gastgeberin fort, "die im eigenen Auto zur weit entfernt gelegenen Arbeitsstelle fahren, und da sie nicht selbst die Fenster putzen und schwere Arbeiten verrichten, halten sie sich für den Lohn, den sie bekommen, wiederum Gehilfen. Der wirtschaftliche Aufschwung hier im Süden hat dazu beigetragen, die Evolution der Neger zu beschleunigen. In unserer Negeruniversität werden Sie sich davon überzeugen können, daß die Formel separate but equal’ für den Neger, wirtschaftlich, gesehen, durchaus keinen Nachteil zu bedeuten hat. Oft sind die mit Staats- oder Kommunalgeldern erbauten Schulen, die Krankenhäuser, die Universitäten der Neger neuer und besser ausgestattet als die der Weißen."