Percy Ernst Schramm, der während des zweiten Weltkrieges das Kriegstagebuch des Wehrmacht-Führungsstabes führte, hat dieses immer wieder aufschlußreiche Buch noch einmal aufgeschlagen. Der Göttinger Historiker schildert in einem Aufsatz, der demnächst als Beitrag zu einer Festschrift erscheinen wird, die Treibstoffknappheit Deutschlands und ihren entscheidenden Einfluß auf den Kriegsverlauf. Hier die wichtigsten Gesichtspunkte.

Der moderne Krieg wird nicht mehr entschieden von den überlegeneren Waffen oder den besseren Soldaten, sondern von dem Grad der Unabhängigkeit in der Treibstoffversorgung. Nur wenn sie gewährleistet ist, wird die Luftüberlegenheit gewahrt, die die heimische Wirtschaft vor der Zerstörung schützt und den reibungslosen Nachschub ermöglicht. Wenn jedoch die Treibstoff Versorgung nicht ausreicht für den unbegrenzten Einsatz der eigenen Heeres- und Luftwaffenverbände, dann ist heute jegliche Kriegsführung von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Percy Schramm schildert, wie das OKW seit 1943 genötigt war, den Verbrauch der drei Waffengattungen nicht nur zu rationalisieren, sondern über das wehrtechnisch vertretbare Maß hinaus zu drosseln. Unter diesen Umständen war im Grunde die Zuweisung jedes neuen Jägers, die Fertigstellung eines weiteren Panzers oder U-Bootes sinnlos, denn durch sie wurde ja der Verbrauch an Treibstoff noch weiter über die mögliche Befriedigung hinaus gesteigert. Im Februar 1945 war Deutschland soweit, daß der Chef des WFSt (des Wehrmacht-Führungsstabes), Generaloberst Jodl, die rücksichtslose Beschränkung aller Einsätze der Luftwaffe befahl. "Sie waren nur noch an den jeweils entscheidenden Schwerpunkten zulässig und auch dort nur, wenn andere Mittel keinen Erfolg versprachen."

Bereits an der Jahreswende 1944/45, schreibt Professor Schramm, habe der Generalstab des Heeres erwogen, das Heer soweit als möglich zu entmotorisieren, also die Panzergrenadiere nur noch zu Fuß oder per Rad zu bewegen und nur die Panzerbrigaden vollmotorisiert zu belassen. Auch die Verlegung der 6. SS-Panzerarmee nach Ungarn erfolgte Anfang 1945, in einem Augenblick also, in dem die russischen Armeen bereits Ostpreußen überfluteten und sie daher zur Verteidigung der Heimat unentbehrlich war, weil man hoffte, auf diese Weise den letzten Raum, in dem noch Erdöl gewonnen wurde, zu sichern.

Noch 1943, als der Verbrauch an Treibstoff auf höchsten Befehl bereits gedrosselt worden war, standen monatlich noch 214 000 Tonnen Flugvergasertreibstoff zur Verfügung. Mitte 1944, kurz vor der Invasion im Westen, stürzte die Produktion auf 85 000 Tonnen ab. Das war auf die planmäßigen alliierten Luftangriffe gegen Erdölzentren, Raffinerien und synthetischen Hydrieranlagen zurückzuführen. Laut Tagebuch des Wehrmacht-Führungsstabes sah das folgendermaßen aus:

Am 24. April 1944 wurden Ploesti und Bukarest angegriffen. Die Verschiebebahnhöfe wurden getroffen, in Ploesti außerdem noch drei Raffinerien ... Abgesehen von den Schwierigkeiten bei der Versorgung der Heeresgruppe Süd-Ukraine konnten in den letzten Tagen des April nur 50 v. H. der ölabfuhr geleistet werden.

Am 5. Mai 1944 suchte der Gegner sowohl tags wie nachts das Ölgebiet heim, außerdem Turnu-Severin. Am 6. Mai griff er mit 400 Flugzeugen die nach Ploesti an zweiter Stelle stehenden Ölanlagen von Campina an und führte dabei neue Angriffe auf Eisenbahnanlagen in Siebenbürgen und Turnu-Severin.