Von W. Fredericia

Junge Menschen heiraten, Kinder werden geboren, sie wachsen heran, ergreifen einen Beruf, sie heiraten – nichts ist anscheinend so beständig wie dieser ewige Kreislauf in der Familie. Was sich darum rankt, stützend oder zerstörend, das wird von der Familie als ihr individuelles Schicksal angesehen: die eine Ehe ist gut, der Mann ist fleißig, sparsam, ein guter Familienvater, die Frau ist eine tüchtige Hausfrau; die andere Ehe ist schlecht, der Mann arbeitet nicht, er versäuft seine Invalidenrente und die Frau verdient mühsam den Lebensunterhalt für die Kinder; die dritte Ehe ist noch schlechter, der Mann hat eine Freundin, er läßt sich nur selten und dann stets schlecht gelaunt blicken, die Beziehungen der Ehegatten sind gespannt bis zum Punkt der Scheidung ... Individuelle Familienschicksale. Aber sind diese Schicksale nur individuell, gehen sie einzig und allein aus den Charakteren hervor, die sich in der Familie zusammenfinden oder aufeinander prallen?

Hin zum Staat

Genaueres Zusehen lehrt, daß zum Zustand "der Familie" nicht nur die Charaktere ihrer Mitglieder, sondern auch die Entwicklungen der sozialen Umwelt beitragen. Aus ihr kommt ein großer Teil der Beweggründe für das Verhalten des einzelnen zur und in der Familie und damit auch gleich zum Verhalten der Familie zur Gesellschaft als einem Ganzen. Und es ergibt sich, daß die Familie sich in der Gesellschaft keineswegs so konstant verhält, wie der ewige Kreislauf des Werdens und Vergehens in ihrem Schoß anzukündigen scheint.

Man weiß längst, daß die Entwicklung der modernen Industriegesellschaft im Laufe der letzten hundert oder hundertfünfzig Jahre die Familie, die schon im Säkularisierungsprozeß an Abwehrkräften eingebüßt hatte, sehr stark aufgelockert hat. Besonders in den letzten Jahrzehnten, in dem Zeitraum, in dem die Ideologien immer mehr Fuß faßten, ging parallel damit eine weitere, für die Familie gefährliche Entwicklung. Es fand nämlich eine Entleerung der Familie von ihrem Gehalt an Loyalitäten statt. Die Loyalitäten, die ihren Ursprung in der Familie haben, die dort "gelernt" werden, nämlich Hilfsbereitschaft, Liebe, Treue – das alles beanspruchte immer mehr der Staat für sich, so daß immer weniger davon für die Familie selbst übrigblieb.

Im selben Rhythmus stiegen, ein bedeutsames Anzeichen, die Scheidungsziffern, verlagerte die Familie, meistens in erster Linie die Männer, ihre Freizeit immer mehr nach außen, verminderte sich der Zusammenhalt und die Bedeutung der intimen Gemeinschaft. Einen Höhepunkt mußte in Deutschland natürlich in der Hitler-Zeit diese Entwicklung erreichen, als der Staat sie mit und ohne Zwang förderte, indem er die Familienmitglieder allerlei halbstaatlichen Aktivitäten zuführte, so daß dann an den letzten Abenden, die andernfalls noch gemeinsam verbracht worden wären, der Vater zu der einen, die Mutter zu der anderen und die Söhne zu einer dritten Parteiveranstaltung gingen. Die Zerstörung der Familie ging damals, wie man sich erinnern wird, so weit, daß manche Eltern vor ihren Kindern nicht mehr offen zu sprechen wagten, daß Ehefrauen ihre Ehemänner bei den Behörden denunzierten und daß Männer die "Webfehler" ihrer Schwiegereltern als Scheidungsgründe gegen ihre Frauen benutzten. Unter solchen Umständen konnte man mit gutem Grund befürchten, daß es mit der Familie in dem alten Sinn bald überhaupt zu Ende gehen werde. Wie sollte sie als Institution mit innerer Wirkung noch einer großen Katastrophe standhalten können?

Letzter Halt in der Katastrophe