Gewisse altmodische Rosensorten, die nicht mehr aufzutreiben sind", spielen eine Rolle in den Vergleichen, die Irene Forbes-Mosse den Figuren ihrer letzten, im Nachlaß aufgefundenen und nun zum erstenmal veröffentlichten Erzählungen in den Mund legte. Ferne Häuser (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 291 S., Leinen 12,80 DM). Altmodische Rosensorten müssen für die Erzählerin von besonderer Bedeutung gewesen sein – so, als ob sie sich ihnen verwandt gefühlt hätte. Die Enkelin Bettinas von Arnim, Altersgefährtin Gerhart Hauptmanns, hat wohl schon geraume Zeit vor ihrem Tode (1946) die Empfindung gehabt, daß das zwanzigste Jahrhundert und sie sich auseinandergelebt hätten. Wie sollte es auch anders sein? Der übermütige Romantizismus der Geschwister Clemens und Bettina Brentano hat der ganzen Biedermeierkultur einen Schuß von skurriler und auch bisweilen makabrer Extravaganz mitgegeben. Aber die gleiche Extravaganz hundert Jahre später, das muß einen Bruch geben.

Nehmen wir die Erzählung "Wandlung einer Äbtissin": Des Teufels reiselustige Großmutter trifft, als spanische Marquesa, im Schnellzugabteil zweiter Klasse, die Äbtissin eines märkischen Damenstifts. Sie beredet sie, ein Flakon mit einer Verjüngungsessenz anzunehmen, und verspricht, gelegentlich bei dem Kloster vorbeizukommen und sich den Gegenwert (die Äbtissin meint: in Geld) abzuholen. Die Äbtissin wird jünger und jünger, läßt sich zum Entsetzen der Stiftsdamen einen Bubikopf schneiden und den Rock bis zum Knie kürzen. Kurz bevor der Flakon geleert ist, am Geburtstag der Äbtissin, erscheint die Marquesa im eleganten Auto. Die Geburtstagsfeier wird zu einem tobenden Bacchanal, die Äbtissin wäre verloren, wenn nicht die achtzigjährige baltische Gräfin im letzten Augenblick durch ein Kruzifix die Höllenfürstin und ihren Chauffeurteufel verjagte.

Der Einfall könnte von Bettina und ihrer Tochter Gisela stammen. Aber der freie Fabulierton, der die Phantasmagorien der Großmutter so reizvoll macht, ist bei der Enkelin in eine Literatursprache übersetzt, die nicht aus dem romantischen Biedermeier, sondern von Theodor Fontane stammt. Das Altmodische ist hier mit einem gewissen Trotz gewollt. Aus dieser festgehaltenen Absicht ergibt sich bei Irene Forbes-Mosse ein Klang von Bitterkeit. Ihre Erzählungen sind ein letzter, wehmütiger Gruß aus einer entschwundenen Welt – fast unverständlich für den, der nicht in jener Welt gelebt hat. i.h.