Der neue Mann im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten hat sich auf dem Bonner Parkett erfreulich schnell Respekt und Sympathien erworben. Nach seiner ersten Auseinandersetzung mit seinem Kollegen Schäffer hieß es in den Wandelgängen des Bundeshauses: Endlich (und wohl erstmalig in seiner bisherigen Amtszeit) sei der Finanzminister auf einen ebenbürtigen Gegner gestoßen – auf einen Verhandlungspartner, der ihm an Geschick und Zähigkeit gewachsen sei, und der sich auch von Schäffers meisterlichem Jongleurspiel mit Haushaltszahlen nicht beeindrucken lasse, vielmehr seinerseits mit harten Fakten aufwarten könne ... Dies anerkennende Urteil, mit einer leichten Schadenfreude gegenüber dem "zweiten Sieger" jener Auseinandersetzung gewürzt, bezog sich auf den von Lübke im Kabinett geführten Nachweis, daß im letzten Etatsjahr über 100 Mill. DM aus "Abschöpfungsbeträgen" für eingeführte Lebensmittel mehr aufgekommen sind, als im Haushaltsplan vorgesehen waren.

Das bedeutet also wohl einen guten Anfang, denn für die Durchführung von Lübkes Agrarprogramm werden ja erhebliche Mittel gebraucht. Der Minister erhebt zwar nicht den Anspruch, grundstürzend neue Dinge realisieren zu wollen. Es liegt aber in der Natur der Sache, daß Lübke die Bedeutung der einzelnen agrarpolitischen Aufgaben anders wertet, als sein Vorgänger Professor Niklas. Dieser hatte – vor allem in den ersten Jahren seiner Tätigkeit – erst einmal für das "tägliche Brot" sorgen müssen. Der Viehbestand mußte wieder aufgebaut und eine ausreichende Produktion von Kunstdünger gesichert werden; danach war die Schaffung von. Marktgesetzen und die Verabschiedung des Zolltarifs dringlich. All das hat das Fundament ergeben, auf dem nun Lübke sein besonderes Anliegen – nämlich die Beschleunigung der Flurbereinigung – wird durchführen können.

Eile erscheint ihm vor allem auch deshalb geboten, weil er die politisch-wirtschaftliche Einheit Europas "im Kommen" sieht, und nun Vorsorge dafür treffen will, daß die deutsche Landwirtschaft wettbewerbsfähig ist, wenn sie in den großen einheitlichen Markt hineingestellt wird. Diese Wettbewerbsfähigkeit ist aber solange nicht gegeben, als noch rund die Hälfte unserer landwirtschaftlichen Nutzfläche in Parzellen zerrissen ist.

Aus einem bewegten Leben bringt Lübke einiges an Voraussetzungen – persönlicher, sachlicher, politischer Art – mit, was ihm bei der Durchführung seiner Aufgaben helfen mag. Würde man ihn fragen, weshalb er es sich eigentlich zutraue, ein so umfassendes Werk wie den Umbau der westdeutschen Agrarstruktur – denn darum handelt es sich ja in Wirklichkeit bei dieser Art der Flurbereinigung – in Angriff zu nehmen, so würde er dem Fragenden vielleicht wieder dieselbe Antwort geben, wie mir im Jahre 1945. Damals saß Lübke in Münster als Mitglied des "ernannten" Provinzialrates von Westfalen; mit großem fachlichem Können und erstaunlichem politisch-taktischem Geschick sorgte er für "Erfassung" und "Verteilung". Bei einem Gespräch, das in einem Raum stattfand, wo ein ständiges Kommen und Gehen der verschiedensten Menschen den provisorischen Charakter der "Dienststelle" nur noch unterstrich, fragte ich unwillkürlich: "Wie schaffen Sie das hier eigentlich? Wie bringen Sie es fertig, in diesem Wirbel Ihre Ruhe zu bewahren?" Die Antwort, mit pfiffig-vergnügtem Augenzwinkern gegeben, lautete: "Schließlich habe ich fast 30 Jahre darauf studiert."

Im weiteren setzte er mir auseinander, daß er für eine Art der "Erfassung" eintrete, bei der die Ablieferung auch für den Bauern wirtschaftlich sinnvoll würde. Er ist mit seinen Plänen gegen die Besatzungsmacht durchgedrungen. Als dann – im Hungerjahr 1947 – Lübke die Verantwortung für die Ernährungswirtschaft von ganz Nordrhein-Westfalen übernommen hatte, die Haltung der Alliierten aber die gleiche blieb, kam es zu schroffen Auseinandersetzungen über diese Fragen; als Lübke daraufhin sein Amt zur Verfügung stellte, entging er mit knapper Not seiner Festnahme: so sehr waren die Engländer und Amerikaner über die starre Haltung ihres Gesprächspartners aufgebracht.

Die westfälische Härte hat Lübke in seinem Leben oft genug zur Geltung gebracht. 1894 im sauerländischen Enkhausen geboren, wurde er, nach Studienjahren in Bonn, Berlin und Münster, zunächst Landmesser. Aber schon 1926 ging er als Leiter der "Deutschen Bauernschaft" in das landwirtschaftliche Organisationswesen; 1931 zog er dann auch als Zentrumsabgeordneter in den Preußischen Landtag ein. Nach 1933 aller Funktionen enthoben und mehrfach verhaftet, gelang es ihm erst 1937 wieder, sich eine bürgerliche Existenz im (städtischen) Siedlungswesen und in der Bauwirtschaft aufzubauen. Nach 1945 wurde er dann ins öffentliche Leben zurückgeholt; nach der Zeit in der Ernährungsbehörde in Münster war er für die Dauer von sechs Jahren Landwirtschaftsminister für Nordrhein-Westfalen, danach kürzere Zeit als Generalanwalt der Raiffeisengenossenschaften tätig. Die Universität Bonn hat ihn, in Anerkennung seiner Verdienste für die Ernährungswirtschaft, zum Dr. h. c. promoviert.

Lübke, der "politische Landwirt", wie man ihn bisweilen genannt hat, entstammt offenbar einer Familie, der das politische Temperament eingeboren ist. Dafür spricht, daß sein Bruder – zunächst Kapitän der Handelsmarine, dann Landwirt – in seiner Wahlheimat Schleswig-Holstein bis zum Ministerpräsidenten aufgestiegen ist. Die westfälische Zähigkeit ist beiden Brüdern eigen – mag sie auch bei Heinrich Lübke im persönlichen Gespräch kaum in Erscheinung treten, wenn er, dem Besucher stets voll zugewandt, aufmerksam zuhört und in verhaltener Gelassenheit argumentiert.

Hilde Bogner