Von Johannes Gaitanides

Der Mensch aller Zeiten ist unzufrieden mit dem Dasein. Das gehört wohl zur Menschlichkeit. In diesem Sinne sind wir Heutigen jedenfalls recht menschlich, denn wir glauben, mehr noch als frühere Geschlechter, Grund zur Unzufriedenheit zu haben. Eines haben wir jedoch unseren Vorfahren voraus: wir drücken uns gern vom Leiden an "dem" Bösen und an der Sünde. Was wir selber auch Böses tun – wir haben doch immer noch als beruhigende Erklärung die Not und den Druck der Umstände zur Hand, die uns der eigentlichen Verantwortung enthöben. Kein Vergehen, keine Schwäche, kein Laster, das sich auf dieses Art nicht einem Freispruch entgegenführen ließe. Wie sehr wir auch unter der Zeit und den Menschen leiden, unsere Unfähigkeit, "Sünde" als wirkliche Last zu empfinden, bewahrt uns vor ernsthaften Einwänden gegen uns selbst.

Mit diesem Mangel als allgemeiner Zeiteigenschaft kann unsere Gegenwart immerhin Anspruch auf Originalität erheben. Gewiß standen andere Zeitalter dem unseren an Verderbnis nichts oder nur wenig nach; aber sie machten sich doch ein Gewissen daraus. Und daher konnten sie auch noch das Böse und die Sünde hassen und sie mit ganzem Herzen vernichten wollen.

Das Schweigen des Gewissens – das ist das Neue, das Bestürzende unserer Zeit. Sie fällt damit ab von der gesamten Geschichte unserer Kultur, von ihrer Eigenart und Motivierung. Und dieser Abfall stellt, wenn er andauert, diese unsere Kultur und unsere Art zu leben selbst in Frage. Was aber ist dieses "Gewissen"?

Es war erstmals die griechische Antike, die in das Gewissen, in die geheimnisvolle innere Stimme des sokratischen Dämonion, die höchste kritische Instanz verlegte und sich damit von aller asiatischen, an außerindividuelle Autoritäten gebundenen Lebenspraxis absetzte, so daß sich die Folgerung aufdrängt: der Anfang Europas ist die Geburt des persönlichen Gewissens. Aischylos erhebt sogar im "Prometheus" das Gewissen als die höhere sittliche Macht noch über die göttliche Gewalt, und die Sophisten stellen die Entscheidung über Recht und Unrecht, über Wahr und Falsch der individuellen Überlegung anheim. Und es ist auch nur eine Umschreibung des Gewissens, wenn Epiktet sagt: "Einen Gott trägst du mit dir herum und weißt es nicht, du Unseliger. In dir selber hast du ihn, und merkst es nicht, wenn du ihn mit unreinen Gedanken befleckst oder durch schmutzige Handlungen."

Demgegenüber brauchte das Christentum dem Gewissen keine neue Aufgabe zuzuweisen. So heißt es beim Evangelium Lukas: "Beurteilt aus euch selbst, was recht ist!" Und Augustin findet, in Anlehnung an Plato, im Gewissen das Gedächtnis der uns eingeborenen überzeitlichen Normen, mehr noch: es ist ihm der Berührungspunkt zu Gott, der den Menschen erst zum "Menschen" machende Drang zur Vollkommenheit. Auch Bernhard von Clairvaux hält das persönliche Urteil für allein zuständig für die einzelne sittlich gute oder böse Handlung. Der Protestantismus erhebt das Gewissen zum Inbegriff der religiösen Praxis schlechthin – es macht Luther sein großes Wort sprechen: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Und indem die Reformation die Beichte vom priesterlichen Mittelsmann auf das persönliche Zwiegespräch des Ichs mit Gott überträgt, bestimmt sich die neue Lehre zu einer Religion des persönlichen Gewissens. Diese Auffassung übersetzt Kant nur in die verweltlichte Fachsprache der Philosophie, wenn er das "sittliche Gesetz in mir" als das Apriori, als die erste und innerste Voraussetzung des persönlichen Urteilens.und Entscheidens definiert und den "autoritären Gewissensrichter" eine "idealische Person" nennt, "welche die Vernunft sich selbst schafft"; auch für ihn leitet sich die Personwerdung von der Ausreifung des Gewissens ab. Hegel schließlich sieht im Gewissen die Dialektik des Lebens innerhalb des Ichs überwunden: "Allein dieser Unteischied des allgemeinen Bewußtseins und des einzelnen Selbst ist es eben, der sich aufgehoben, und dessen Aufheben das Gewissen ist."

Die Definitionen Kants und Hegels helfen uns weiter. Wir müssen am Menschen unterscheiden, was er tatsächlich "ist" und was er im besten Fall sein "könnte" und demzufolge sein "sollte". Ist dies, "was er sein könnte", im Menschen auch nur als Möglichkeit gegeben, so ist es dennoch wirklich, genau gesagt: embryonale Wirklichkeit, steckengeblieben im Zustand der bloßen, unentfalteten Anlage. Wird nun das, was ich im besten Fall sein könnte, in mir Bewußtsein, so habe ich darin mein Gewissen. Das Gewissen ist also das Wissen des Selbst um seine beste Möglichkeit, das nun als Gesetzgeber, Befehlsstelle und Richter über dem empirischen Ich atmet. Ich weiß durch das Gewissen, was und wie ich sein kann. Es ist der Spiegel, in dem das Ich, wie es praktisch ist, das Bild seines Ich, wie es sein kann und soll, anschaut. Im Gewissen kommuniziert das "Ich bin" mit seinem "Ich soll", von dem es Antrieb und Richtung, Sinn und Urteil mitgeteilt bekommt. Schiller hat diese Funktion des Gewissens treffend charakterisiert "Jeder individuelle Mensch trägt der Anlage und Bestimmung nach einen reinen idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechslungen übereinzustimmen, die große Aufgabe seines Daseins ist." Das Gewissen ist also der Anruf in uns, der von uns fordert: Sei, was du deiner besten Möglichkeit nach sein kannst!