Die strapazierenden Wochen, die letzten Tage der Hetze vor dem Fest sind nun schon fast überstanden. Am Abend werden am Christbaum die Kerzen brennen, wir werden Geschenke verteilen und uns beschenken lassen. Und irgendwann, nach allem Betrieb und Trubel, wenn auch die schönen gemeinsamen Stunden in der Familie vorüber sind, dann kann jeder einzelne vielleicht und hoffentlich jene kleine Atempause finden, wo er allein ist mit seiner persönlichen Lage, dem allgemeinen Zustand der Welt – und der Botschaft von Weihnachten.

An diesem einzigen Tage wenigstens sind Welt und Kirche d’accord. Obwohl das Geheimnis der Heiligen Nacht nicht für alle Menschen die gleiche Bedeutung hat, so hört doch jeder nachdenklich und voll Sehnsucht, mancher mit einer leisen Wehmut und einem Anflug von Skepsis die Botschaft aus der Vergangenheit für die Gegenwart: Friede allen Menschen, die guten Willens sind.

In Frieden leben, das ist unser aller Sehnsucht. Welche Bedingung aber muß nach der Kunde von oben der Mensch erfüllen, um diesen Frieden auf Erden wie im Himmel zu finden?

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Der häusliche Friede im kleinen Kreis der Familie hat bereits nur ein labiles Gleichgewicht, das ständig gefährdet bleibt und immer neu ausbalanciert werden muß. Obwohl Vater, Mutter und die Kinder zusammengehören, durch gemeinsame Erfahrungen und Neigungen miteinander verbunden sind, hat jedes Glied in dieser Keimzelle aller menschlichen Gemeinschaft auch seine persönliche Eigenart, die für das Zusammenleben ebenso fruchtbar wie furchtbar werden kann. Stoff zu Konflikten liegt immer in der Luft. Aber unter einer klugen Leitung, wenn Zucht und Disziplin aller Angehörigen und vor allem ein natürlicher Herzenstakt hinzukommen, müssen solche akuten Kreislaufstörungen keine lebensgefährlichen Krisen auslösen.

Die Gruppenbildungen in Wirtschaft, Politik und Religion mit ihrer viel stärkeren Differenzierung stellen auf einer höheren Ebene den Menschen im Grunde vor das gleiche Problem. Verschiedene Parteien, die Verbände der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die internationalen Beziehungen zwischen den Völkern und Staaten bringen mit all ihren Spannungen doch gleichzeitig auch zum Ausdruck, daß die Beteiligten und Betroffenen aufeinander angewiesen sind und miteinander auskommen müssen. Die verschiedenen Teile in diesem zusammenhängenden Ganzen unterliegen allerdings allzuoft der ständigen Versuchung, den kleineren oder größeren Ausschnitt ihrer eigenen Interessen so stark in den Vordergrund zu rücken oder sogar in den Mittelpunkt zu stellen, daß die sachlichen Belange der andern Teilhaber und das Wohl des Ganzen aus dem Auge verloren wird. Der Kampf nimmt dann eine Schärfe an, die nicht aus der Natur der Sache stammt, sondern in jener menschlich allzu menschlichen Neigung ihre Wurzel hat, die den unendlichen Horizont auf eine einzige Perspektive festlegt. Da Einseitigkeit mit der Maßlosigkeit im Bunde steht, treiben alle Extreme eine Chausseegrabenpolitik. Unter ihrem Einfluß gerät der Wagen der menschlichen Geschichte immer wieder ins Schleudern und liegt abwechselnd bald rechts, bald links im Straßengraben.

Um eine Lösung zu finden, haben wir von der Tatsache auszugehen, daß die Menschen, ihre Interessen und Neigungen, die Bedürfnisse und Notwendigkeiten nicht leicht auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind. Die gesellschaftliche Integration kann nur vollzogen werden, wenn auf allen Gebieten zwischen den verschiedenen Gruppen eine echte Partnerschaft zustande kommt. Leben wollen und leben lassen gehören zusammen. Um meine eigenen Interessen zu wahren, muß ich die Belange der andern kennen und verstehen. Die schöpferische Formel wird immer nur die Frucht aus einem echten Gespräch sein, wobei jeder Partner nicht nur zu Wort kommt, sondern auch ernst genommen wird. Am runden Tisch wird über die Wahrheit nicht abgestimmt. Aber die ständige Fühlungnahme zwischen allen Anwesenden, der laufende Austausch ihrer Einsichten und Ansichten führt doch näher an die Sache heran. Die Bereitschaft, auf den andern zu hören und ihn gelten zu lassen, schafft vor allem eine gemeinsame Atmosphäre, die sogar dort noch, wo dem Anschein nach unversöhnliche Gegensätze aufeinanderprallen, plötzlich einen Ausweg und Ausgleich finden läßt, mit dem alle Beteiligten einverstanden sind. Es geht darum, solche Kontakte zu schaffen, jene Front zu bilden und zu stärken, die quer durch Parteien, Nationen und verschiedene Weltanschauungen alle Menschen zusammenbringt, die diesen guten Willen haben. Er ist wirklich ein Unterpfand für den Frieden in allen Bereichen und in jeder Krise. An ihn appelliert Weihnachten.