Erzählung von Florian Kalbeck

Dieser König Herodes – ich weiß nicht, aber mit dem Kerl stimmt doch etwas nicht", sagte der weise Herr Melchior. "Er war mir viel zu freundlich. Man hätte zurückhaltender sein müssen, meine ich, diplomatischer. Finden Sie nicht auch, mein lieber Herr Caspar?"

Diese Worte schienen freundschaftlich gesprochen, aber ein scharfes Ohr konnte nicht verfehlen, den Ton belehrender Zurechtweisung, ja, schlimmer noch, geringschätziger Herablassung herauszuhören. Balthasar ärgerte sich. Die ganze Zeit seit ihrem Aufbruch von daheim ging das schon so. Alle Vorfreude seines kindlichen Herzens, alle gläubige Erwartung vergällte ihm dieser arrogante Melchior mit seinen Sticheleien. Auch jetzt war es klar, daß Herr Melchior es mit seinem Tadel auf ihn abgesehen hatte, wiewohl er sich ausdrücklich, geradezu mit betonter Nichtachtung über ihn hinweg an Herrn Caspar wandte. Er, Balthasar, war es nämlich gewesen, der sich sofort mit König Herodes in ein ausführliches Gespräch über den heiligen Stern angelassen und auf alle Fragen bereitwillig Auskunft gegeben hatte. Am schlimmsten jedoch war, daß er sich von allem Anfang an ins Unrecht gesetzt hatte. Er hatte vergessen, Geschenke für das heilige Kind mitzunehmen; man denke: einfach vergessen. Nie, nie würde er sich das verzeihen!

"Hm", murmelte Caspar, der dritte im Bunde. Herr Caspar hatte es dank seiner überragenden Persönlichkeit nicht nötig, Worte zu verschwenden. Er war ein mächtiger, ehrfurchtgebietender Greis, der älteste und weiseste von den dreien, während Herr Melchior der eleganteste war, und der schwarze Herr Balthasar, sagen wir, der aufgeregteste.

Sie waren, seit sie Jerusalem verlassen hatten, mit ihrer Karawane schon über eine Stunde unterwegs und näherten sich jetzt dem Städtchen Bethlehem. Der Stern wies ihnen den Weg. Viel zu spät fiel dem armen Balthasar ein, daß sie ja dank ihrem himmlischen Wegweiser auch ohne die Auskunft des Herodes ans Ziel gefunden hätten. Wenn wenigstens er den Stern entdeckt hätte! Aber auch das war Herrn Melchiors, des astronomisch gebildeten, Verdienst.

Die Nacht war klar und winterlich kühl. Ungeachtet der Jahreszeit wehte der Wind den Reisenden hin und wieder einen feinen, bittersüßen Duft von Mandeln und Pistazien zu. Die ersten Hütten und Häuser von Bethlehem tauchten auf.

Jetzt – er hatte es zuerst bemerkt, er, der einfältige Mohr: der wandernde Stern stand still! Ruhig leuchtete er, unbeweglich.