X. X., Thüringer Wald

Seit drei Jahrhunderten gehen von hier aus Spielzeuge in alle Teile der Welt. Auf Schritt und Tritt leuchten einem die Schilder von privaten Herstellungsfirmen entgegen. Die Enteignungswellen scheinen spurlos an Sonneberg vorbeigegangen zu sein. Aber es scheint nur so. Kluge Parteileute verzichteten auf eine Überführung aller der vielen kleinen Betriebe in Staatseigentum. Dafür schufen sie die Spielzeug-Genossenschaft, in die alle privaten Werkstätten eintreten mußten und die vom Einkauf an über die Produktion bis zum Verkauf alles diktiert, einschließlich Preisen und "Soll". Erfüllt irgendeine Werkstätte die Auflage nicht, werden automatisch die Preise gesenkt.

Die Produktion in Sonneberg unterteilt sich in zwei Sparten: eine für den westlichen Export und die andere für den Inlandsbedarf und die östlichen Länder. Die erste folgt der Tradition und ist völlig darauf ausgerichtet, den Wünschen der Abnehmer gerecht zu werden. Die zweite kommt immer mehr unter den Einfluß des "Fortschritts". Glücklich, wer dieselben Dinge wie vor fünfzehn Jahren herstellen darf. Von Zeit zu Zeit aber wird jeder einmal zur Erzeugung solcher Spielzeuge herangezogen, die nach Meinung der Genossenschaft "den Erfordernissen der Gegenwart und Zukunft sowie der positiven Bewußtseinsbildung unserer Kinder entgegenkommen".

Auf den kümmerlichen Weihnachtsmärkten Mitteldeutschlands findet man jetzt eine Art Nikolausfigur, die in Sonneberg hergestellt wird. Um nur ja keine Verwechslung mit dem "reaktionären Nikolaus" aufkommen zu lassen, trägt jede dieser Figuren die Aufschrift "Väterchen Frost". Die im schneebedeckten Mantel dargestellte Gestalt hat einen Wanderstab in der Hand, der von einem roten Stern gekrönt wird. Jedes Sternmotiv überhaupt erhält eine verzweifelte Ähnlichkeit mit dem einen großen roten Stern aus dem Osten.

Ein Gang durch das Spielzeugmuseum gibt einen Begriff von dieser tendenziösen Praxis. Der Museumsführer – mit Parteiabzeichen am Rockaufschlag – verkündet: "Bald werden alle HO-Spielzeuggeschäfte diese Dinge führen, die einen ungeheuren ideologischen Erziehungswert haben!" Danach sehen sie nun auch aus. Zum Beispiel gibt es da eine Gruppe von drei Jungen in Turnkostümen – auf den Hemden die kommunistischen Symbole der Sportleistungsabzeichen – mit verstellbaren Gliedern. Der Führer ist ungemein stolz darauf und macht die Glasvitrine auf. Mit verzückten Augen stellt er die Puppen von Rumpfbeuge auf Beinegrätschen und Armevorhalten. Man wartet direkt darauf, im nächsten Kasten einige Vopofiguren zu finden, die mit Gewehren "Knie beugt!" üben. Plötzlich ein Schild: "Von der HO besonders bevorzugt." Sechs, sieben Puppen alter Art. Daneben aber die Inschrift: "Diese Puppen tragen nicht das von den Spielzeugunternehmen bevorzugte Maschinengesicht, sondern an ihnen wurden schmale, charaktervolle Gesichter entwickelt, und zwar von der Fachschule für angewandte Kunst in Sonneberg." Im Nebenkasten kann man dann gleich diese charaktervollen Gesichter an einigen jungen Pionieren bewundern: ihre schmalen Gesichter sind nach oben zur Fahne gerichtet. In einem ist man sehr naturalistisch. Man sieht nicht eine dicke Puppe oder Figur, alle scheinen unterernährt zu sein.

Die zitierte "Schule für angewandte Kunst" hat in dieser Abteilung noch einen besonderen Stand. Hier kann man Traktoren, Mähdrescher (mit dem Sowjetstern!), Bagger, Loks (ebenfalls mit dem roten Stern an der Stirnseite) und Lastwagen bewundern. Ein Plakat erklärt: "Das richtige Spielzeug für erfinderische und spielfreudige zukünftige Meisterbauer, Lokführer und Traktoristen."

Dann kommen die Spielzeuge aus den Volksdemokratien und der Sowjetunion. Moskau schickte eine Trachtengruppe der Unions-Republiken sowie einen Riesenbaukasten; Bausteine für den Kreml und seine Türme mit aufgemalten Propagandalosungen und den Porträts der Parteigrößen. Ungarn glänzt mit der Budapester Pioniereisenbahn und Polen sinnigerweise mit einer Reliefdarstellung des Landes einschließlich der uns gestohlenen Provinzen, in denen "Kolonisatoren" tätig sind. Aus dem Rahmen fallen die Geschenke der Chinesen. Ihr Spielzeug stammt durchweg aus der Vergangenheit und ist ohne jede politische Verunzierung. Es sind darunter wirkliche Kunstwerke aus Elfenbein und Seide, die auch den Erwachsenen erfreuen. Bezeichnend, daß es der Führer eilig hat, hieran vorbeizukommen.