Von Volkmar von Zühlsdorf

Über Mittelrußland liegt ein Hochdruckgebiet. Es ist so kräftig, daß die ersehnten atlantischen Regenwolken seit Monaten nicht nach Süddeutschland dringen. Das ist, so sagen die Meteorologen, der Grund für die anhaltende Trockenheit. In den bayerischen Städten merkt man noch nicht viel davon. Man liest in der Zeitung, das "Niederschlagsdefizit" betrage seit dem Herbst über 50 Prozent, und in München, wo im November im Durchschnitt 50 Millimeter Regen fallen, seien diesmal nur 16 gemessen worden, im Dezember gar nur 1,3. Aber wer stellt sich unter diesen Zahlen schon etwas Besonderes vor? Man bedauert höchstens, daß es kein weißes Weihnachten und keinen Skiurlaub geben wird, weil heute noch kein Schnee in den Alpen liegt – und das schlägt alle Rekorde.

Die Fachleute allerdings sehen die Dinge sehr viel ernster an. Da ist die Frage des elektrischen Stromes. Süddeutschland wird weitgehend von Wasserkraftwerken versorgt, ihre Leistung ist bereits auf ein Drittel des Normalen gesunken, weil Walchen- und Achensee, der Schluchsee im Schwarzwald und andere mehr 25 Prozent weniger liefern als sonst um diese Zeit. So mußte man die Dampfkraft viel früher einsetzen als sonst, und daher reicht der – Kohlevorrat nur noch drei bis vier Wochen. "Die Lage ist labil", sagt Direktor Leininger vom Verband Bayerischer Elektrizitätswerke, "die Dampfkraftwerke laufen auf vollen Touren, doch wenn es nicht zu Maschinenschäden oder anhaltendem Frost kommt, sind wir noch bis nach dem Heiligen Dreikönigsfest gesichert." Allerdings, wo die Kraftwerke wie in Aschaffenburg ihre Kohle auf dem Wasserweg bekommen, sieht es schlimmer aus, denn Rhein und Main stehen so tief wie seit Jahrzehnten nicht. Die Schleppkähne führen nur noch die Hälfte oder ein Drittel der Fracht, und dennoch laufen sie immer wieder auf. Havarien sind an der Tagesordnung.

Auf dem Lande aber sieht sich die Trockenheit schon heute viel ernster an. Die Felder sind dürr, das Gras auf den Weiden ist bräunlich, die Brunnen und Quellen beginnen zu versiegen, die Bäche vertrocknen und die Seen treten weit von ihren Ufern zurück. Die Wintersaat, besonders der Winterweizen ist vielerorts nicht recht aufgegangen. Noch ist dank der Luftfeuchtigkeit kein weitreichender Schaden entstanden, aber wenn die Trockenheit andauern sollte –, der Bauer aus dem kleinen Ort bei Ebersberg spricht den Satz nicht zu Ende, man sieht ihm an, daß er sich ebenso ernste Gedanken macht, wie die Regierungsräte im Landwirtschaftsministerium in München. Der milde Herbst hat die Mäuse zu einer Plage werden lassen; der Boden ist nicht gefroren und man weiß nicht, wieviel von der Saat sie übrig lassen werden. Das Ansehen des "Hundertjährigen Kalenders" hat einen schweren Stoß erlitten, seine Prognose hat sich als total verkehrt er wiesen, und selbst die vertrauensseligsten Bauern murren, daß er eine Fälschung sei.

In vielen Häusern und Höfen ist das Trinkwasser bereits versiegt. Oft können die Nachbarn noch aushelfen, aber es gibt auch Gebiete, wo des nicht mehr möglich ist. So im Fränkischen Jura, im Bayerischen und im Frankenwald, wo ganze Dörfer ohne Wasser sind. Im Landkreis Kronach in Oberfranken sind es über dreißig Gemeinden. Die Bäche, Brunnen und Reservoire sind leer. Aus den vertrocknenden Tümpeln hat die Bevölkerung den letzten Eimer Wasser herausgeholt. Tankwigen aus Bamberg und Koburg, die man zu Hilfe geschickt hat, fahren von früh bis spät um Wasser herbeizuschaffen. Die Bauern sind hier auch Nachts am Werk, um für das Vieh aus den Weihern nachzuschöpfen, was vielleicht noch nachgesickert ist. Selbst die Feuerlöschteiche sind leer, und Bevölkerung und Behörden zittern, was geschehen würde, wenn ein großer Brand ausbräche.

In Sulzbach-Rosenberg, in der Oberpfalz, ist es nicht anders. Auch hier gäbe es Wasser, de Tiefbrunnen der Maxhütte liefern genügend für die gewaltige Stahlproduktion, und die Stadt selbst ist gut versorgt. Aber im Landkreis? 160 Kilometer Leitungen hat der Landrat Müller in den vier Jahren, seit er im Amt ist, legen lassen, und noch immer sind fünfzig Ortschaften nicht angeschlossen. Wo die Rohre zu Ende gehen, in Pcppberg und bei Frechetsred hat man Zapfstellen eingerichtet, und viele Kilometer weit kommen die Bauern in langen Zügen aus den wasserlosern Orten mit Ochsen- und Kuhgespannen, Pferdefuhrwerken und hie und da mit dem Bulldogg: Fässer haben sie geladen, Milchkannen, Flaschen und Gefäße jeder Art. Wihrend die gefüllt werden, staut sich die Kolonne weithin. Es ist schweres Fahien auf den steilen Strecken. Die von weither kommen, sind ständig unterwegs, um Wasser einzuholen. Mit Tank und Bulldogg kann einer sich schon einen Vorrat in die Zisterne sammeln, aber die meisten kommen mit Kuh und "Odelfaß", in dem sie im Sommer die Jauche aufs Feld fahren. Auch dieses Wasser dient zum Trinken.

In vielen Ställen brüllt das Vieh. "Wenn man selber kein Wasser hat", sagt eine Bäuerin in Nieritzhofen, "ist es arg genug, aber das Vieh – das hält man nicht aus." Sie hat zwei Stück in Stall und keinen Wagen zum Wasserfahren. Jetzt kommt auch zu ihr der Tankwagen, obwohl der Fahrer Hartmann, ein Kriegsversehrter, ohnehin bis zur Erschöpfung arbeitet, um herumzukommen. "Aber es ist schön", sagt er, "neulich die Flüchtlingsfrau zum Beispiel, die weinte, als sie Wasser bekam. Sie hatte ihr kleines Kind drei Wochen lang nicht baden können."