Essen, Ende Dezember

Als Jürgen Fehling vor einem Vierteljahrhundert den in Berlin versammelten Dramaturgen das Geheimnis des Lesens klarmachen wollte, sagte er: "Ich glaube, Barlach richtig zu hören, wenn ich ihn lese; daher mein Ruf als Barlach-Regisseur." Der Dichter selbst hatte sich seine Gestalten auf der Bühne ganz anders gedacht. Auch das bekannte Fehling. Der Autor hatte den Spielleiter durch die Kleinstadtwelt des "Blauen Boll" geführt und ihm alle Vorbilder für die niederdeutschen. Typengestalten gezeigt. Aus Berlin aber floh Barlach entsetzt – "alles hat der Fehling falsch gemacht" – und sah die Uraufführung des "Blauen Boll" im Preußischen Staatstheater nicht. Wer sie sehen durfte, der zählt sie zu seinen unverlierbaren Theatererlebnissen. Das Stück jedoch blieb ein erratischer Block, wie Barlach als Dramatiker überhaupt.

Gerühmt werden darf deshalb der Mut, mit dem Heinz Dietrich Kenter ohne Übermut, aber die große Linie seiner eigenen Münchner und Berliner Regisseurzeit aufgreifend, als neuer Schauspieldirektor der Essener Bühnen Ernst Barlachs "Blauen Boll" abermals anging. Er setzte damit die schmale, aber notwendige Linie fort, die nach dem Kriege in Hannover (für die versammelten Volksbühnendelegierten) "Die Sündflut", in Darmstadt und Nürnberg den "Grafen von Ratzeburg" zutage förderte. Hier ist ein deutscher Dichter, unbequem fürs Theater, aber mächtig in Wort und Gedanke.

Kenter konnte und wollte in Essen nicht mit dem Berlin von 1928/29 konkurrieren. Er interpretierte möglicherweise mehr im ursprünglichen Sinne des Verfassers: folkloristisch fixierte Typen (vor Friedhelm Strengers Kleinstadt-Illustrationen), kräftiges Theater, mehr Schauspiel als Mysterium. Gewiß: Claus Clausen, ein vorzüglicher Schauspieler, der mindestens die metaphysischen Skrupeln des Gutsbesitzers Boll herausbrachte, war kein Heinrich George – weder an Fett noch an innerer Fülle. Auch die übrigen Schauspieler – so sicher neben Maria Krahn a. G. etwa Hildegard Jakob (Grete), Wolfgang Schirlitz, Moje Forbach und Horst Beilke in ihre Aufgaben hineinwuchsen – interpretierten nicht zuerst die chiffrierte Welt des Spökenkiekers aus Güstrow, sondern mehr den Schnurrenerzähler. Aber Kenter wußte aus der prallen Diesseitigkeit den jenseitigen Anruf hörbar zu machen.

Dies Ergebnis müßte Folgen haben. Barlach ist sicherlich nichts für den Normalverbraucher von Abonnementsvorstellungen. Zugegeben auch, daß man sich manchmal nach dem Rotstift sehnte. (Doch wo darf man streichen?) Mag also die Dramaturgie mit der Elle zu messen sein – die oft bestürzenden Worteruptionen, die poetischen Visionen des Sprachmagiers, die dialektische Antithese der vollplastischen Gestalten und der große Zug der Handlung, das alles ist in einem anspruchsvollen Sinne Drama. Also gehört es ins Theater. Existentielle Werte kommen hinzu. Vor einem Vierteljahrhundert war da ein deutscher Dichter, dem das Ich und die Ordnung so suspekt wurden, wie es uns die Franzosen und Amerikaner erst später auf der Bühne vorführten. Aber-dieser niederdeutsche Expressionist kapitulierte nicht vor dem Nihilismus. Ein tiefgründiges Ethos und ein Glaube, der keine Formeln wiederkaut, weisen hier Wege für Schwankende und Erschütterte.

Barlach bleibt auch als Dramatiker eine Aufgabe für das Theater der Gegenwart. Johannes Jacobi