Der Angestellte, der den nicht-sozialversicherungspflichtigen Einkommensstufen angehört, und heute, nach Dezimierung seiner Ersparnisse oder Berechtigungen infolge der Währungsreform, mit 40 oder gar 50 Jahren für das Alter einen neuen hinreichenden Versicherungsschutz aufbauen muß, steht vor einer schweren Aufgabe. Wie schwierig, ja wie aussichtslos unter den heutigen Verhältnissen eine befriedigende Lösung dieser Fragen ist, geht aus einem Gutachten hervor, das der Verband angestellter Akademiker der chemischen Industrie sich jetzt zum Thema der Alters- und Hinterbliebenenversorgung hat erstellen lassen.

Dieses Gutachten beantwortet die Frage, um wieviel das Gehalt eines (leitenden) Angestellten in der Industrie, der entsprechend seiner Vor- und Ausbildung und seinen Funktionen das Einkommen eines Regierungs-, Oberregierungsrates oder Ministerialdirektors hat, erhöht werden müßte, damit er sich, ohne Beeinträchtigung seiner bisherigen Lebensführung, durch den Abschluß einer privaten Lebensversicherung eine der Beamtenpension vergleichbare Altersrente sichern könnte. Hier nur ein (mittleres) Ergebnis der auf bestimmten konkreten Annahmen (die also von Fall zu Fall differieren) aufgebauten Berechnungen: Ein Angestellter (verheiratet, ein Kind), der eine Gehaltsentwicklung entsprechend der Laufbahn eines Regierungsrats und Oberregierungsrats (709–1255 DM) mitmacht, und der im Alter von 27 Jahren eine Versicherung abschließen möchte, die ihm gleiche Pensionsrechte wie die seines beamteten Kontrahenten sichert, müßte eine Gehaltsaufbesserung von 31 v. H. erhalten. Schließt er diese Lebensversicherung erst in seinem 35. Lebensjahr ab, so wäre, soll die Endpension die gleiche Höhe erreichen, dazu schon eine Jahresprämie notwendig, die eine Gehaltserhöhung von 44 v. H. erfordert. Bei 45 Jahren wären es bereits 73 v. H. und (was unter den heutigen Verhältnissen durchaus im Bereich der Möglichkeiten liegt) mit 55 Jahren 166 v. H. Die Folgerungen, die aus diesem Zahlenwerk gezogen werden: der Aufbau einer angemessenen Alters- und Hinterbliebenenversorgung für die (leitenden) Angestellten der Industrie über Gehaltserhöhungen und individuelle Versicherungsabschlüsse ist "praktisch undurchführbar". Als gangbarer. Weg wird die Pensionszusage von seiten des Arbeitgebers empfohlen, deren Risiko durch partielle Rückdeckung gesichert werden kann.

Ob und wieweit mit der hier vorgeschlagenen Methode diesem drängenden sozialen Problem zu Leibe gegangen werden kann, ob und wieweit sie für die Betriebe tragbar ist, wird über weitere Untersuchungen erwiesen werden müssen. Wer im übrigen sich für die Einzelheiten dieses Gutachtens interessiert, möge es sich (kostenlos) über die Geschäftsstelle des Verbandes angestellter Akademiker der chemischen Industrie (Köln, Schildergasse 69/73) beschaffen. Ganz allgemein und ohne die hier zusammengetragenen Fakten (die ja wegen der von Fall zu Fall notwendig zu machenden Unterstellungen nur bedingt repräsentativ sind) überzubewerten, darf wohl aber gesagt werden, daß mit dieser Arbeit sehr handfeste Argumente in die Debatte um die Alters- und Hinterbliebenenversorgung und überhaupt das soziale Standing jener Bevölkerungsschichten geworfen werden, die als Angestellte oder auch Selbständige zu "viel" verdienen, als daß sie unter die Kategorie der sozial Hilfsbedürftigen gerechnet werden dürfen (und auch wollen) –, aber andererseits zu wenig, um unter den heutigen Verhältnissen ihrer Existenz eine solide Basis mit den nun einmal notwendigen Sicherungen geben zu können. Es sind jene Angestellten in mehr oder weniger leitender Position, die sich durch ihre Leistung zu äußerlich oft ansehnlichen Bruttogehältern qualifiziert haben und die es nun zu spüren bekommen, was die heutige Steuerprogression realiter bedeutet.

Nun soll hier nicht vergessen werden, daß die Prämien zu den Versicherungen als Sonderausgaben abzugsfähig sind. Die Höhe der Abzugsfähigkeit hängt aber vom Familienstand und den übrigen Sonderausgaben ab, die ja in diesen Gehaltssparten in der Regel nicht gering sind –, ganz abgesehen davon, daß nicht anzunehmen ist, daß das Versicherungssparen (und auch das Bausparen) mit Anlaufen der großen Steuerreform weiter so steuerbegünstigt bleibt wie bisher. Was jedenfalls netto von den auf dem Papier stehenden Summen übrigbleibt, ist dann schon wohl für die meisten ein sehr hartes Stück Brot; denn was muß ein Mann, der nicht sozialversichert ist, monatlich bar auf den Tisch legen, um sich für das Alter und für den Fall nachlassender oder ganz ausfallender Arbeitsfähigkeit eine angemessene Versorgung sicherzustellen? Hier nur eins der in dem Gutachten durchgerechneten Beispiele: Wollte ein leitender Angestellter, der entsprechend seiner (akademischen) Vorbildung und dem Maß der ihm übertragenen Verantwortung etwa den Lebensstandard eines Regierungsrates meint beanspruchen zu können, seine Altersversorgung auf eine so vergleichbare Basis stellen, so müßte er dafür, wenn er diesen Entschluß in seinem 35. Lebensjahr faßt, von seinem Einkommen monatlich eine Prämie von etwa 280 DM aufwenden. Sollte er das Pech haben (nach Verlust mancher früherer Berechtigungen), heute schon 45 Jahre zu sein, so würde ihm dieses Ansinnen monatlich runde 520 DM kosten.

Die private Vermögensbildung als Vorsorge für das Nachlassen der Arbeitskraft ist also heute schwerer denn je gemacht. Aus dieser Tatsache kann man nun die verschiedensten Gedanken und Forderungen entwickeln, nur nicht etwa die, daß es den Beamten heute im Vergleich zu den entsprechenden Angestellten in der freien Wirtschaft bereits "zu gut" ginge –, und ganz und gar nicht die, daß der Kreis der staatlicher Hilfen Bedürftigen weiter (also noch weiter) gezogen werden sollte als bisher.

Der Ausweg aus diesem Dilemma muß in genau entgegengesetzter Richtung gesucht werden: in dem Abbau jener horrenden Lasten, die im Umlageverfahren der Allgemeinheit und damit jedem einzelnen aufgedrückt werden, der durch seine Leistung an die Grenze des Verdienens gekommen ist und der so – wenn auch schlecht und recht, so doch in Ehren – auf eigenen Füßen stehen könne, wenn man es ihm von Staats wegen getanen würde. Der Schwachen werden so nicht weniger, sondern immer mehr. Wo Not ist, soll und muß geholfen werden, aber um die Feststellung dieser Tatsache kommen wir auch nicht herum: um den einen helfen zu können, werden den anderen die Sparbeträge genommen, die notwendig wären, im sich fest auf eigene Beine zu stellen –, und den Betrieben die Möglichkeit, die Löhne und Gehäber zu zahlen, die ausreichend wären, um eine noch nennenswert breite Schicht ohne Krücken der einen oder anderen Art als freie Menschen durchs Leben gehen zu lassen. Wolfgang Krüger