Wer Leipzig, die Bücherstadt von einst, nicht gekannt hat, wird die besondere Atmosphäre nicht nachempfinden können, die dort um das Buch herrschte. In der Kurprinzenstraße die großen wissenschaftlichen, in der Universitäts- und Grimmaischen Straße die schöngeistigen Buchhandlungen, und daneben die vielen kleineren und kleinen Buchläden, wie sie in den Seitenstraßen der Höheren Schulen zu finden waren. Hier holte sich der Gymnasiast schnell in der Pause ein Leihexemplar des vergessenen Livius oder auch eines jener kleinen rosa Übersetzungsheftchen, die sich so praktisch auseinandernehmen und verbotenerweise zwischen die Seiten legen ließen.

Die Auslage solcher kleinen Buchhandlungen bestand durchweg aus ein paar Novitäten, vor allem Romanen und einigen Zeitschriften. Diese Buchladen waren einander sehr ähnlich: ein Regal mit den gängigen Neuerscheinungen, dazu ein anderes, das die Firma Reclam hingestellt hatte und das ein vollständiges Exemplar von ReclamsUniversalbibliothek enthielt. Die wichtigste Figur war aber gar nicht der Buchhändler, sondern eine Gestalt, die es so originell nur in Leipzig gab: der "Markthelfer". Er, der alle Verlage kannte, wußte, wo jedes Buch zu finden war, saß, meist lesend, unsichtbar hinter der Portiere, die den Laden von den Privaträumen trennte, im halbdunklen Gang. Wurde nun "vorne" ein Buch verlangt, das nicht "am Lager" war – und oftmals war es in so kleinem Betrieb "nicht am Lager!" –, so hatte der Markthelfer schon mit halbem Ohr gehört und eilte, während der Kunde zum Platznehmen aufgefordert wurde, auf seinem Fahrrad – das sein "Handwerkszeug" war wie dem Barbier sein Messer! – zum Verlag oder Barsortiment. Nach kurzer Zeit kehrte er zurück mit dem verlangten Buch.

In einer solchen Buchhandlung geschah meine erste Berührung mit der großen Literatur. Die Inhaberin, eine würdige Dame – sie nannte uns alle bis in die Prima "Du", weil sie uns von der Sexta auf kannte –, gab mir einmal gratis ein broschiertes Oktavbändchen mit. Es hieß "Lebensbilder unserer Klassiker" und war ein lieblos gemachter, aber inhaltsreicher Prospekt für die seinerzeit in hohem Ansehen stehende "Goldene Klassikerbibliothek" des Verlagshauses Bong. Darin war jedem Dichter eine Seite gewidmet: oben der Name, dann, statt eines Initials, ein Medaillonbildnis, gefolgt von einem kurzen Lebensabriß. Der war lang, wenn jemand, wie zum Beispiel Theodor Körner, nur kurz gelebt und wenig geschrieben hatte – und er war kurz, wenn es sich um "vielbändige" Autoren, wie Goethe, Schiller oder Heine, handelte. Denn der Raum unter der Kurzbiographie wurde für ausführliche Anzeige der jeweiligen Bongschen Werkausgabe benötigt.

Natürlich erfuhr ich auf diese Weise von den Dichtern viel zuwenig; aber doch wiederum genug, um von ihren Lebensschicksalen berührt zu werden. Ich war kein Musterschüler; als man mir aber zu jener Zeit wegen schlechter Noten daheim Vorhaltungen machte, äußerte ich mit einer Sachlichkeit, die meine Eltern in Erstaunen setzte, indem ich das schlichte Heftchen mit den dürftigen "Lebensbildern" vorwies: diese Menschen seien mehr oder minder alle nicht glatt oder auf gewöhnlichem Wege durchs Leben gegangen, und trotzdem spräche man nach hundert Jahren noch von ihnen ...

Das hieß nun nicht gerade, daß ich ein Klassiker werden wollte, aber da mich deren Schicksale interessierten, fing ich an, ihre Werke zu lesen. Zu Hause standen sie in der Hempelschen Ausgabe der siebziger und achtziger Jahre – mit vergilbtem Papier, das scheußlich roch, alle Bände gleichmäßig in ein unansehnliches grünes Kaliko gebunden, mit dem Kopfrelief des jeweiligen Dichters in Blinddruck auf dem Einbanddeckel.

Vielleicht hätte mich der Geruch dieser Bände der neuen Beschäftigung bald entfremdet, hätte ich nicht damals die erste der Klassiker-Dünndruckausgaben des Insel-Verlags gesehen: sechs Bände in Taschenformat, in flexibles blaues Leinen mit herrlichen Goldtiteln gebunden, stellten sie einen bis dahin in Deutschland unbekannten Buchtyp dar. Es waren Schillers Werke, sie kosteten 20 Mark; das war damals ein rundes Goldstück. Mein Entschluß war schnell gefaßt; wo aber sollte ein Schüler so viel Geld hernehmen?

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