k., Ost-Berlin

Die Russen-Filme machen in der Sowjetzone die Kinos leer. Wer nicht muß, bleibt zu Hause. Und die sowjetdeutschen Defa-Filme haben sich die Langeweile der Aufbau- und Aktivistenfilme aus Moskau so zu Herzen genommen, daß sie schlechter, magerer, dürftiger noch als die schlechtgewordenen Russen-Filme sind. Die Defa aber sieht nicht den wahren Grund dafür, daß ihre Filme Versager sind, oder darf es nicht sehen. Sie hat die ganze deutsche und ausländische Geschichte nach Persönlichkeitsvorlagen durchstöbert, voll Eifer bestrebt, populäre historische Figuren in gut marxistischem Sinne aufzumöbeln. Eine Reihe von kostspieligen Versuchen mit Bebel und Liebknecht sind teils bis zum teuren Ende durchgeführt, teils gestoppt worden. Der kommunistische Zar Ulbricht sah das Desaster. Er verlangte von der Defa, "auf neuen Kurs zu gehen und Liebesfilme" zu drehen. Ein Statistiker hatte ihm ausgerechnet, daß in den bisherigen Defa-Filmen nur drei Prozent Liebe vorkomme.

Jubel herrschte in den Ateliers. Statt der Fahnen, statt der drohenden Gesten statt der papierenen Leitartikel lockte eine Möglichkeit zum Natürlichen. Und der Regisseur Martin Hellberg, der bereits ein paar gut-volksdemokratische Filme hinter sich hatte, die zusammen ein Einspiel-Ergebnis von etwa einem Zehntel der Kosten ausmachten, drehte ein neues Epos, betitelt "Das große und das kleine Glück" ... Das große Glück: das ist die Arbeit im Kollektiv, und das kleine – nun ja, das eben hatte mit Liebe zu tun.

Der Film ist nicht so larifari im Handumdrehen gemacht worden. Da haben viele Leute ihre Augen und Finger drin gehabt: vor allem auch die Referenten des Genossen Holtzhauer, der die "Staatliche Kommision für Kunstangelegenheiten" leitet. Man war sich lange Zeit nicht klar, ob das kleine neben dem großen Glück akzeptiert werden könne, oder ob das kleine Glück im großen aufzugehen habe. Und nun, als alles eingeplant war, ist den festlich Eingeladenen bei der Uraufführung abwechselnd heiß und kalt geworden: Das Mädchen, die Verkörperung des kleinen Glücks, war nach Rautendeleins Art frisiert, und der Mann, der es mit ihr haben sollte, machte sein natürliches Aktivistentum zu einer hopsenden Angeberei. Das Ganze wurde eine Blamage. Weder den Ideologen noch den Neukurslern gefiel der "erste deutsche Liebesfilm der Defa". Sie schimpften alle. Bis der große Professor Gerassimow nach Berlin kam: der sowjetische Erfinder des sowjetischen Liebesfilms. Er klopfte Martin Hellberg anerkennend auf die Schulter. "Nur weiter so", sagte er. So ist denn doch noch das große Glück über die wohl miserabelste östliche Filmschöpfung gekommen...