Seitdem das Diktat der Alliierten gegen die deutschen Großindustriellen mehr und mehr zum Zuge kommt, häufen Eid im Ausland die Stimmen der wirtschaftlichen Konkurrenz, denenzufolge auch diese Nachkriegspolitik der Alliierten für die eigenen Siegerländer fehlerhaft, ja sogar schädlich gewesen wäre. Unternehmen wie Flick und Krupp würden, so heißt es in den Blättern, zwar künftig in Deutschland ohne eigene Eisen- und Kohlenbasis dastehen, aber die Umsetzung ihrer ehemaligen Montanbesitze in klingende Münze oder in neue Beteiligungen in anderen Wirtschaftsgruppen bedeute für die internationale Finanz, für den Welthandel und für gewisse Fertigungen an Welthandelsartikeln eine bis dahin unbekannte, aber erfahrene und daher "neue und gräßliche" Konkurrenz,

Sicherlich ist an diesen Stimmen einiges wahr. Aber sie erscheinen doch maßlos übertrieben, wenn man die Schwierigkeiten der deutschen Situation und insbesondere die produktionellen Handicaps der betroffenen Firmen berücksichtigt. Diese, Handicaps werden so recht sichtbar, wenn man den Rechenschaftsbericht durchliest, den die Firma Krupp, Essen, Mitte Dezember der Öffentlichkeit übergab. Allein eine einzige Zahl genügt, um das Ausmaß der Vorwegbelastungen zu erkennen, die auch auf Jahre hinaus nicht verändert werden können. Alfred Krupp von Bohlen und Halbach zählt in seinen Essener Betrieben zur Zeit rund 16 800 Belegschaftsmitglieder, die produktiv beschäftigt sind. Gleichzeitig aber wohnen in Essen 12 000 Krupp-Pensionäre, die Monat für Monat ihre Pensionssummen aus den Erträgen und Rücklagen dieser Betriebe abholen. Dies macht allein eine Jahresbelastung von rund 11 Mill. DM aus.

Angesichts der Zerstörungen und Demontagen in den Krupp-Betrieben und unter Berücksichtigung der erheblichen internationalen Konkurrenz ist es verständlich, daß die Lokomotivfabrik im vergangenen Jahr mit Verlust arbeitete und der Kraftwagenbau, zusammengefaßt in der Südwerke, Motoren- und Kraftwagenfabriken GmbH‚ nur plus minus Null abschloß. Diese Ergebnisse waren bisher noch unvermeidbar, obwohl die Lokomotivfabrik den bisher höchsten Jahresumsatz seit Kriegsende erreichte (auch weiterhin gute Aufträge aus dem Ausland hat) und die Südwerke zügig ihre Produktion absetzen konnten. Das im Umsatz vermutlich größte Produktionsunternehmen, der Stahlbau Rheinhausen, hat allerdings ebenso wie die Hartmetallfabrik WIDIA mit Gewinn abgeschlossen. Auch die Handelsunternehmen brachten Überschüsse, Stahlbau Rheinhausen heißt jetzt "Krupp Rheinhausen, Maschinen- und Stahlbau", weil etwa 70 v. H. des Produktionsprogramms Maschinenbau ist. In Rheinhausen wurde ein großer Teil des Fabrikationsprogramms von Krupp-Gruson, Magdeburg, aufgenommen, was sich gut bewährt hat.

Aus Abschreibungen wird der Krupp-Bereich, der außerdem noch eine Gießerei, eine Schmiede, Apparatebau, Elektrowerkstätten, Dental-Werkstätten, Baubetriebe und eine Graphische Anstalt umfaßt, im Jahr etwa 20 Mill. DM erwirtschaften. In dieser Größenordnung bewegt sich das Investitionsprogramm des kommenden Jahres. Über den Umsatz dieser Krupp-Betriebe sind nur Vermutungen möglich, da der Bericht verständlicherweise Zahlen nicht nennen kann. Er dürfte – auch ohne Handelsunternehmen – aber doch wieder einige 100 Mill. DM im Jahr betragen. Die Belegschaft (ohne Handelsgesellschaften) zählt zur Jahreswende 25 685 Menschen, worin die vollen Beteiligungsgesellschaften, wie z. B. Dolberg-Glaser & Pflaum GmbH (884) und Harburger Eisen- und Bronzewerke AG (552) mit eingeschlossen sind. r l t.