Daß eine solche Unsicherheit den Käufer nicht gerade "marktwirtschaftsgläubig" macht, ist ja wohl psychologisch verständlich. Wie aber soll man den Bauern von den Segnungen der Marktwirtschaft überzeugen, wenn fast die Hälfte der von ihm aufzuwendenden Kosten preismäßig "starr" sind? Das trifft (nach unserer Rechnung) für 4,12 Mrd. DM zu – wovon 2,07 Mrd. auf Löhne u. Lohnnebenkosten entfallen, 0,91 Mrd. auf Düngemittel und Pflanzenschutzmittel, 0,37 auf Treibstoffe und Kohlen, der Rest auf Steuern, Abgaben, Zinsen... Dazu komden 3,56 Mrd. DM an solchen Kostenlementen, die weitgehend "tarifähnlich" gebunden sind, weil der Lieferant der betreffenden Waren und Leistungen "nicht mit sich handeln läßt", und sich vielfach auch in einer Art Monopolstellung gegenüber dem Nachfragenden befindet – der zwar viel von der "Präponderanz des Käufermarktes" lesen kann, aber nur wenig von den segensreichen Folgen dieses Zustandes zu spüren bekommt... Im einzelnen handelt es sich hierbei um den großen Posten Futtermittel (mit 1,04 Mrd. DM) und im übrigen vorwiegend um handwerkliche Leistungen: nämlich bei Neubauten (0,22 Mrd.), bei der Gebäudeunterhaltung (0,38 Mrd.) und bei der Unterhaltung des Inventars (mit 1,31 Mrd.); der Rest (0,61 Mrd.) entfällt auf allgemeine Wirtschaftsunkosten. In km letzten, dem Posten mit "vorwiegend marktwirtschaftlich gebildeten Preisen", der 12 v. H. der Gesamtkosten ausmacht, sind mit 1,06 Mrd. DM Maschinenkäufe und mit 0,03 Mrd. DM Zukäufe an Saatgut und Nutzvieh zusammengefaßt; über die mangelnde "Markttransparenz", die für den überwiegenden Teil dieser Kostengruppe besteht, wurde bereits oben gesprochen.

Auch von einer anderen. Seite her läßt sich noch einiges, gegen das Festrennen in Doktrinen und Prinzipien sagen. Es ist ja letztlich für uns (und auch für den "großen Bruder" jenseits des Atlantik ...) gar nicht so entscheidend, ob bestimmte Grundsätze zur Geltung kommen. Dergleichen Ist ja nicht Selbstzweck, kann immer nur Mittel zum Zweck sein ... Mittel zur nachhaltigen wirtschaftlichen Expansion, zur besseren Leistung in einer wachsenden Volkswirtschaft, in der (um mit Friedrich List zu sprechen) die "produktiven Kräfte" stets genügend Raum zu ihrer Entfaltung finden müssen. Wäre das Durchsetzen freiheitlicher Doktrinen das höchste Ziel, dem sich alles andere unterordnen müßte, so dürfte es keine Hemmnisse Für das "freie" Aushandeln der Preise und Leistungsentgelte mehr geben ... Also etwa: keine Monopolstellung der öffentlichen Hand bei der Vergebung von Aufträgen, keine Monopolstellung der Gewerkschaften bei der Fixierung der Löhne und Gehälter, vielleicht auch keine Vereinbarungen zwischen Abnehmern gleichartiger Waren und Dienstleistungen gegenüber den Trägern des Angebots, bestimmt keine Preisbindungen der zweiten Hand, keine gebundenen Kohlenpreise, keine Energie- und Frachttarife, keine marktbeherrschenden Unternehmungen in Monopolen und Oligopolen – und keine Länderfinanzminister, die sofort mit Interventionen zur Hand sind, wenn die Konkurrenz einen Betrieb ihres Landes "aus dem Markt wirft" und drauf und dran ist, Produktionskapazitäten in überdimensionierten, übersetzten Branchen stillzulegen oder auszuschalten. Sicher werden die Länderkollegen des Herrn Schäffer eher selber zu Seifensiedern, ehe sie es dulden, daß eine Seifenfabrik in "ihrem" Lande zum Erliegen kommt: sei es nun durch die Auswirkungen der "sozialen" Marktwirtschaft, durch den Leistungswettbewerb à la Erhard, der "eigentlich" teuer arbeitende Kapazitäten "automatisch" ausschalten müßte – sei es im Wege der Stillegung des Betriebs durch ein Seifenkrisenkartell von Erhards Gnaden ... Wie kann es da je zu den positiven Folgen einer "Reinigungskrise" kommen – in der Industrie oder gar in der Landwirtschaft?

Wer nur ein ganz klein wenig Blick für die Realitäten des Lebens in dieser unserer Umwelt von heute hat, wird ja wohl zugeben müssen – auch als Wissenschaftler, gerade als Wissenschaftler sollte er das tun! –, daß die "Daten" dieser Umwelt, Modell 1953, nicht dem "gedanklichen Modell" der Marktwirtschaft entsprechen. Und das sollte die Streiter für die reine Lehre, die Gralshüter der Unfehlbarkeit Euckens, ja nun doch – trotz Godesberg und Hagen – etwas nachdenklicher, weniger doktrinär und ein ganz klein wenig kompromißbereiter stimmen. Vor allem sollte man sich weniger um die "Gefahr" sorgen, die der marktwirtschaftlichen Ordnung angeblich durch "selbstzerstörerische Kräfte" droht (wie Prof. Böhm meint), als vielmehr einmal die Frage prüfen: ob und wieweit eine solche marktwirtschaftliche Ordnung überhaupt gegeben ist – und wie sie auf jenen Wirtschaftsgebieten, wo von ihrem Geist noch kein Hauch zu spüren ist, nun wenigstens in den ersten schwachen Anfängen eingeführt werden könnte. Wenn aber anerkannt werden sollte, daß für gewisse Wirtschaftsbereiche (wie beispielsweise die Urproduktion in Landwirtschaft und Bergbau) aus irgendwelchen theoretisch klar faßbaren Gründen – etwa wegen allzu geringer Elastizität in den Nachfrage-, Angebots- und Wettbewerbsverhältnissen – die segensreiche Wirkung frei beweglicher Preise, im Sinne der Produktivitätssteigerung und der Kostensenkung also, auch im "Modell" der Theorie nicht gegeben ist: dann wäre damit zugleich auch zugestanden, daß die reine. Lehre der Marktwirtschaft für alle sonstigen Industrien eben nicht absolut, sondern nur in gradueller Stufung gelten kann. Und so ist es ja auch, wenn die Theorien Euckens richtig angewandt werden: richtig, und nicht bloß in einer doktrinären wirtschaftspolitischen Verzerrung. Erwin Topf