Trotz Schopenhauer, trotz Kierkegaard, trotz Nietzsche ist im Abendland, und ganz besonder in Deutschland, das Achtung vor der Philosophie auf eine fast magische Weise an den Respekt vor dem "Lehrstuhl" geknüpft geblieben. Es ist, als müsse man es für eine nationale Schande halten, wenn ein Philosoph, der wirklich einer ist, keine Professur bekäme, und da. man diese, Schande nicht für faktisch gegeben ansehen mochte, neigt man lieber dazu, den nichtbeamteten Philosophen wie einen Auch-Philosophen, einen Dilettanten, eine Figur an der Grenze der Charlatanerie zu betrachten. Mit anderen, Worten: da man sich nicht zutraut, einen Philosophen an seiner Philosophie zu erkennen, zieht man es vor, sich nach dem staatlichen Ausweis zu richten.

Wenn nun aber ein solcher Nichtprofessor sich nicht (wie Schopenhauer und Nietzsche) von der Öffentlichkeit distanziert, sondern seine Erkenntnisse als Wanderlehrer überall mündlich bekanntgibt, und wenn seine Vorträge gewaltigen Zulauf haben – ja, dann liegt für viele der Schluß auf der Hand: das muß doch ein Popularisator sein, ein Redner für Damen, eine Attraktion für Snobs!

Es wäre ein Jammer, wenn dieses Vorurteil wirklich, wie es den Anschein hat, der Aufnahme von José Ortega y Gassets philosophischen Forschungen im Wege stehenbliebe. Gewiß, Ortega ist ein geselliger Denker, er sucht und findet den Kontakt mit einem Publikum von Unbekannten, er weiß es anzusprechen und durch packende Bilder, durch sicher placierte kleine Fabeln, durch treffende Bonmots zu fesseln. Kurz: er ist eben ein romanischer Philosoph, kein deutscher Professor. Aber gerade diese urbane Umgänglichkeit hat bei ihm, dem Spanier, einen tragischen Hintergrund: er würde ja das, was er heute einem deutschen Publikum vorträgt, auf einem spanischen Katheder vor Studenten dozieren, wenn es in Spanien noch für ihn, den freien Europäer, ein Katheder gäbe! Nicht aus Passion für das Wanderleben ist dieser Abenteurer des Geistes auf seine alten Tage ein ambulanter Philosoph geworden.

Die Vortragstournee durch Deutschland, die der Hamburger Buchhändler Klöckner (einst in Madrid Ortegas Schüler) jetzt für ihn arrangiert hat, ist darum mit keiner üblichen Veranstaltung zu vergleichen. Ortega führt sich nicht als Star der Philosophie, als Pin-up-man des Geistes vor, sondern hält strenge, allerdings auch höchst spannende und temperamentvolle Kollegs über ein Thema, das auch für den anspruchvollsten Akademiker nicht zu tief gegriffen ist, obwohl es (wie das dicke Buch, an dem Ortega zur Zeit arbeitet) den einfachen Titel führt: "Der Mensch und die Leute." Und diese Vorträge bringen, um es drastisch zu sagen, nicht mehr und nicht weniger als eine neue Begründung der Soziologie aus den Erkenntnissen der modernen Philosophie.

Soziologie – das Wort ist für viele bei uns kompromittiert durch mancherlei Theorien über die "Gesellschaft", bei denen der einzelne unter den Tisch fällt. Ortega dagegen beginnt gerade beim einzelnen, beim Ich in seiner unaufhebbaren, mit dem Menschen selbst (und nicht etwa erst durch die "Atomisierung" im Massenzeitalter) gesetzten Vereinzelung und kommt von ihm aus auf steigend–ja, er kommt eigentlich nicht Schritt für Schritt hin bis zur "Gesellschaft", sondern zeigt gerade die unüberbrückbare Kluft, die jederzeit zwischen dem einzelnen und der Gesellschaft, zwischen dem Menschen und "den Leuten" aufgerissen ist.

Denn "die Leute", das sind nicht die anderen, die ich kenne. Die Leute gehören nicht zu meiner Umwelt, die mir antwortet, die mich beglücken oder mir als Person gefährlich werden kann. Die Leute sind immer weit weg, in einer Transzendenz, bis zu der ich nicht hinreiche. Ich kann mich selbst mit meinem Willen lenken, ich kann andere in meinen Willen einspannen, aber ich komme mit aller Energie niemals bis zu "den Leuten", bis an das Soziale selbst. Es ist, sagt Ortega, der Irrtum des größten Soziologen Max Webers, gewesen, daß er meinte, man könne das Soziale aus dem Inter-Individuellen, dem Umgang von Menschen miteinander, verstehen und ableiten.

Ein Beispiel: daß wir Abendländer bei der Begrüßung einander die Hände schütteln, ist auf keine Weise aus dem Willensentschluß einzelner zu verstehen. Es ist sogar schlechthin unverständlich. Wir könnten ebensogut "den anderen am Ohrläppchen ziehen und ihm die Zunge herausstrecken", wenn eben dieses bei uns (wie in Tibet) die Grußsitte wäre. Einen Grund, warum irgendwo die eine Sitte gilt und nicht die andere, hat noch niemand ermitteln können. Sitten sind eben immer schon da. Der einzelne wird in sie hineingeboren, wie in das Soziale überhaupt.

Das Resultat jeder philosophischen Entdeckung ist, wie der Antrieb dazu, ein Staunen. Ortega erreichte dies Staunen auf die unmittelbarste Weise: er stellte fest, daß weder er noch einer seiner Zuhörer sich getroffen fühle, wenn von "den Leuten" gesprochen wird. Und doch gibt es die Leute. Das Soziale ist das, "was uns am Kragen packt". C. E. L.