F. R. S., Bern, im Dezember

Niemand wird es der Schweiz verargen, wenn sie mit Stolz auf ihre zunehmende Exportkapazität hinweist. Die Rückeroberung der Weltmärkte nach dem Kriege ist um so bemerkenswerter, als die Schweiz die Last eines weit über dem Durchschnitt liegenden Lohnniveaus preislich mitzuschleppen hatte, eine Verteuerung, die nur teilweise durch den sogenannten "Zinsvorsprung" wettgemacht wurde.

Wer die trockenen Zahlen sprechen läßt – und dies sollte der Volkswirtschaftler – wird allerdings rasch einsehen, daß die Schweiz ernsten Schwierigkeiten entgegengeht, wenn ihr Handel weiter so einseitig exportorientiert bleibt. Seit dem Beitritt der Schweiz zur Europäischen Zahlungsunion (EZU) haben die großen Ausfuhrüberschüsse zu einer dauernd anwachsenden Quotenbeanspruchung geführt. Die Grundquote, die der Schweiz innerhalb der EZU bewilligt wurde und 1093 Mill. beträgt, war schon vor einem halben Jahr nahezu erschöpft.

Die maßgebenden Kreise in der Handelsabteilung des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements und der Nationalbank verfolgen diese Entwicklung nicht ohne Beunruhigung. Dabei denkt man nicht zuletzt an das schweizerische Preisniveau. Es ist in den letzten Monaten erfreulicherweise stabil geblieben. Aber es besteht kein Zweifel darüber, daß die Währungsreserven der Notenbank infolge der nicht einlösbaren Zahlungsbilanzüberschüsse dauernd zunehmen, was gleichbedeutend mit einer Aufblähung der Notenemission und der Giroverbindlichkeiten ist. Die hieraus resultierenden Inflationsgefahren werden natürlich in einem Lande, das an gesunde Währungsverhältnisse gewöhnt ist, nicht auf die leichte Schulter genommen. Es ist daher verständlich, wenn in letzter Zeit immer wieder auf die Notwendigkeit einer importfreundlichen Politik aufmerksam gemacht wird, wozu um so eher Anlaß besteht, als der wertmäßige Europa-Anteil des letzten Vorkriegsjahrfünfs von 78 v. H. der Gesamteinfuhr noch bei weitem nicht erreicht ist.

In Finanz- und Bankkreisen wird natürlich auch darüber diskutiert, ob und wieweit ein intensiverer Kapitalexport zur Normalisierung der Zahlungsbilanz beitragen könnte. Obgleich dieser Gedanke keineswegs sehr populär ist, läßt sich in letzter Zeit doch ein Stimmungsumschwung zugunsten dieses Weges feststellen. Insbesondere fiel auf, daß jüngst durch einen sozialdemokratischen Nationalrat in einem Leitartikel der Linkspresse für einen "in vernünftigen Grenzen liegenden Kapitalexport zugunsten der Schaffung von Arbeit im Lande" plädiert wurde, eine Anregung, die noch vor einem Jahr jedenfalls nicht von dieser Seite gekommen wäre!