Soll man Liebesbriefe bedeutender Dichter veröffentlichen? Die Zweifel an der Zulässigkeit solchen Verfahrens sind so alt wie die Publikation von Goethes Briefen an Charlotte von Stein; vielleicht auch noch älter. Wie dem aber auch sei –: im Falle des erstaunlichsten Liebesbriefwechsels unseres Jahrhunderts, nämlich im Falle von Bernard Shaws Briefwechsel mit seiner Freundin Stella Patrick Campbell (den Alan Dent herausgab und den der Wolfgang Krüger Verlag, Hamburg, in der sensitiven Übersetzung von Hermann Stresau jetzt bei uns verlegt) ist keine Beschwerde über Indiskretion statthaft. Beide Partner haben testamentarisch die Veröffentlichung gewünscht, und Shaw hat eigens bestimmt, daß alle Einnahmen aus der Publikation für die höhere Schulbildung der Urenkel der geliebten Frau verwandt werden sollten. Es ist anzunehmen, daß die beiden Urenkel davon ein sehr feudales Oxforder College für viele Jahre besuchen können, ohne die Summe aufzubrauchen. Denn das Briefbuch ist inzwischen ein Bestseller geworden, obwohl für die Dramen und Schriften Shaws, in den angelsächsischen Ländern wenigstens, augenblicklich eine Flaute des Ruhms eingetreten ist.

Muß man die Stücke Shaws kennen und hochschätzen, um an diesen Briefen Interesse und Freude zu haben? Die Frage, die wohl ein Skeptiker stellen mag, ist insofern schief, als es sich um Briefe handelt, die, hintereinander gelesen, einen von den Partnern nicht ausdrücklich gewollten, wohl aber in seinen Umrissen (einschließlich eines dramatischen Konflikts über die Publizierbarkeit) instinktiv künstlerisch komponierten Liebesroman ergeben. Man ist! überrascht, hier nicht den kühlen, ironischen Shaw zu finden, sondern einen von Elan strotzenden, von Inbrunst, aber auch zärtlicher Clownerie erfüllten Menschen, der seine Sendung als Politiker, Dramatiker und Kritiker verwünscht und auf der Höhe seines Ruhms nach nichts als verschwiegenem Liebesglück verlangt. Wer bisher von Shaw nichts gelesen haben sollte, lernt in diesen Briefen die genialste "Erfindung" des großen Dramatikers kennen: die Lebensart des "G. B.S.". Der Mann, dessen Namensabkürzung ein Weltbegriff wurde, führte ein Leben voller Arbeit, Hoffnung, Zorn und Freiheit; die Ehe aber nicht, weil für ihn Ehe zur Pflichtenwelt, Liebe aber zum Jenseits gehörte. Dieses Jenseits sah er in Stella Campbell verkörpert, der "dunklen Dame" seiner Kindheitsträume, der aparten und respektablen Schauspielerin, der nur er den allerersten Rang zuerkannte, und die gewiß mehr den Liebenden in ihn geliebt hat als "ihn selbst", dem die eigene Genialität oft den Weg versperrte. Kann man ein Genie lieben, als sei es keines, wenn man (wie Stella) einen Blick für Genialität hat? Konnte eine Frau diesen Shaw lieben, als sei er nicht der große Mann? Stella konnte es nicht; Charlotte, die Gattin, hat es gekonnt. Und darum empfand Shaw das Zusammenleben mit ihr als eine täglich erneuerte schwere Last. Der Wunsch, ein anderes Selbst zu sein, irrlichtert in seinen Briefen. Aber als Stella "das Schönste, was Du gemacht hast" (nämlich diese Briefe) 1922 in ihre Selbstbiographie aufnehmen möchte, rebelliert sein durch die Buchstaben G. B. S. gekennzeichnetes Wesen: Shaw will sich nicht durch sich selbst demaskieren lassen. Zehn Jahre lang kämpft Stella vergeblich um seine Einwilligung. Auch dieser Kampf gehört zu dem Liebesroman Shaws, ja, er gibt ihm erst die ganze Wahrhaftigkeit. Christian E. Lewalter