Von Paul Hühnerfeld

Hat der Heilige heute noch einen Platz in der Welt? Ist die Existenz eines Heiligen, nach dessen Vorbild wir doch leben sollten, überhaupt noch vollziehbar?

Mit solchen Fragen vertraut zu sein und dennoch einen Band Heiligenporträts herauszugeben, erfordert Mut: denn das Resultat der Arbeit darf weder sentimentaler Herzenserguß noch trockene Lebensbeschreibung werden. Die amerikanische Botschafterin beim Vatikan, Clare Boothe Luce, hatte diesen Mut: sie sammelte 20 Heiligenporträts, die sie von 20 verschiedenen Schriftstellern (zumeist Engländern: Rebecca West, Paul Gallico, Barbara Ward, Bruce Marshall, um nur die bekanntesten zu nennen) schreiben ließ: Heilige für heute – so heißt diese Sammlung, die nun, in der Übersetzung von Georg Hermanowski beim Paulus Verlag (Recklinghausen) auch in deutscher Sprache erschienen ist.

Schon der Titel zeigt an, daß es der Herausgeberin ernst mit dem "heute" war, daß sie die so arg entrückten Heiligen, die sich mancher Zeitgenosse als Fabelwesen in langem weißem Gewände und mit goldgelbem Glorienschein ums Haupt vorstellt, herabholen und mitten auf diese Erde stellen will.

Doch schon in ihrem eigenen Vorwort taucht die Gefahr auf, die dann über alle Seiten des Buches hin akut bleibt: die "Vermenschlichung" des Heiligen. Gerade im Vorwort wirkt dies peinlich. Allzu deutlich erinnert man sich des "großen Mannes – menschlich gesehen", ja fast ähnelt Clare Boothe Luces Bemühen den Anstrengungen des Filmpropagandisten, der seine Stars populär machen will. So wird zum Beispiel der Unterschied zwischen einem Heiligen und dem Durchschnittsmenschen so definiert: "Der einzige Unterschied zwischeninnen (den Heiligen) und uns besteht darin, daß sie den Kampf (gegen die Sünde) nie aufgaben" Was ist damit erklärt? Dieser immerwährende erfolgreiche Kampf gegen die Sünde ist doch gerade das "Heilige" an ihnen. Die Definition läuft also darauf hinaus, daß der Unterschied zwischen uns und den Heiligen nichts anderes ist als das Heilige. Nun, das hat jeder Leser schon vorher gewußt. Da hält man sich lieber daran, was – nach einem Zitat aus dem Buch – St. Patrick über da! Heilige sagt: "Ich war wie ein Stein, der in einem tiefen Brunnen lag, und Er, der Mächtige, kam, und Seine Barmherzigkeit hob mich auf, zog mich empor und legte mich oben auf die Mauer!"

Welch eine Fülle ontologischer Aussagen über das Wesen des Heiligen, über die heile Existenz in einem einzigen Satz! Um so deutlicher erkannt man jetzt den entscheidenden Fehler des Buch Vorwortes: Es geht nie und nimmer darum, die Heiligen uns anzupassen! Vielmehr müßte ein modernes Buch über die Heiligen uns zu ihnen hinaufführen.

Wären die 20 Porträts dieses Buches alle in gleichem Maße dieser Aktualisierungssucht erlegen wie das Vorwort – es lohnte sich nicht, das Werk anzuzeigen. Doch erstaunlicherweise halten, sich die meisten Autoren in ihren Berichten über die Heiligen nicht an den roten Faden des Vorwortes. Zwar beginnen alle mit der Darstellung einer Subjektiven Verehrung zu ihrem bestimmten Heiligen, doch gelingt es dann den zwei geradezu vorbildliche Heiligenporträts entstanden: Paul Gallicos Bericht über den Heiligen Franz von Assisi und Reinhold Schneiders (der einzige deutsche Autor des Buches) Schilderung vom Leben und Wirken des Heiligen Bernhard von Clairvaux.