Von Wolfgang Goetz

Es gibt nichts Geruhsameres als eine Fahrt im Göta-Kanal von Göteborg bis Stockholm hinauf. Man tut platterdings nichts. Man schaut nur. (Und ißt, versteht sich.) Langsam gleitet das Schiff durch Wiesen und Wälder. Manchmal ist die Fahrrinne so eng, daß man nicht einen Tropfen Wasser sieht. Oder es geht über weite Seen, deren ferne Ufer jenseits des Horizonts liegen. Inseln gibt es Unzählige, kleine von der Größe einer ältelnden Schildkröte, und große Eilande, auf denen man Robinson spielen möchte, oder, in reiferen Jahren, in allerliebst geselliger Einsamkeit ein paar Tage zu verliegen.

Und dann kommen die Schleusen. Das ist sehr aufregend. Dort, wo einst die Trollhättan-Fälle zu Tal donnerten, ist die Flut gezähmt. Zwischen steilen Felswänden steigt das Schiff seine vierzig Meter hoch. Aber auf die Dauer weiß man: Schleusentüren auf, Schleusentüren zu. Wasser schießt ein, gischtet, brodelt, angenehm wird man gehoben. Wieder Schleusentüren auf. Und so geht das immer fort, und es dauert lange.

Es gibt Leute, die von der Romantik der Technik sprechen. Ich habe das nie begriffen und werde vermutlich auch nicht mehr umlernen. Technik und Romantik sind Todfeinde. Nichts wider die Technik. Wir müssen hindurch; und wir haben sie überwunden, sobald wir ihr Sklavenjoch abwerfen, das wir hirnverbrannt uns selbst aufhalsten. Kein Stauwerk, es mag von noch so zweckmäßiger Schönheit sein, wird uns den Wassersturz ersetzen, den es zu Nutz und Frommen bändigte. Auch diese Beobachtung trübt die Überraschung der Schleusen, und das ändert sich nicht, wenn unser Schiff hinabsteigt, die Meeresfläche zu gewinnen.

So sind wir nicht unmutig, als ein Jüngling herantritt und uns fragt, ob wir eine schöne alte Kirche sehen möchten. Wir hätten zwei Stunden Zeit, bis wir das Schiff wieder betreten müßten. Es wird nicht viel her sein mit der alten Kirche, aber zwei Stunden Schleusentüren auf- und zugehen zu sehen, ist nicht so unterhaltsam wie ein mäßiges Gemäuer.

Wir gehen also von Bord. Vor guter Zeit schon hat die Uhr auf die nächtliche Elf gezeigt. Draußen glastet das Land, wenig heller nur schimmert die Straße. Aus einem Hag ragt ein Turm. Das ist unser Ziel. Das Reisebuch hat uns belehrt, daß Vreta-Kloster die erste Niederlassung frommer und sehr tapferer Nonnen in Schweden sei, und die Kirche stamme aus dem Jahre 1162. Reformatorische Eiferer sind es wohl gewesen, die Refektorium, Dormitorium, Küche bis auf kaum kniehohe Mauern zerstörten. Aber die Kirche hat den Sturm überstanden. Breit und beruhigend liegt sie da zwischen den Trümmern und fahlen Leichensteinen.

Da packt uns plötzlich Schreck. Hinter den hohen Fenstern leuchtet es. Und schaurig fällt uns die Geschichte von dem alten Mütterchen ein, das eines Nachts erwacht und drüben im Gotteshaus Licht sieht. Es macht sich auf, wandelt hinüber und setzt sich unter die stumme Gemeinde, zu beten. Aber es ist gar so still, und sie blickt um sich. Da sitzen Vater und Mutter, Großahne gar, der Pastor, der sie getraut, der Lehrer, der sie unterwiesen hat. Da macht sie sich leise auf und nähert sich zitternd der Tür. Aber da klapperts und rasselts und rauscht und faucht, und die Gemeinde ist hinter ihr her. So schnell sie kann, eilt sie davon, erreicht noch die Kirchhofstür und bricht tot zusammen. Anatole France hat diese grause Mär mit einem ironischen Schwänzlein versehen, was ich ihm doch etwas übelnehme. Mir ist gar nicht ironisch zumute, da jetzt die alte Glocke die Mitternacht blechert.