Gottesstreiter, Teufel, Dämonen und Sendboten himmlischer Heiterkeit

Von E. A. Greeven

Der schlichte und so eindringliche Bericht von der Geburt des Heilandes, wie er uns durch das Evangelium nach Lukas überliefert ist, spricht nur mit wenigen sparsamen Worten von dem göttlichen Kinde, das in Windeln gewickelt in der Krippe liegt, und erhebt sich alsdann zu einem machtvollen Choral in der Schilderung des erscheinenden Engels und des Jubels der himmlischen Heerscharen. Nicht im Stalle zu Bethlehem, wo sich die Menschwerdung Gottes vollzogen, wird die weltweite Bedeutung der Stunde durch Engelsstimmen offenbart, sondern auf nächtlichem Felde vor namenlosen Hirten. Es sind Gottes lobsingende Boten, die jene große Freude verkünden, die allem Volke widerfahren wird. – Was aber wissen wir von den Engeln, was lesen wir in den heiligen Schriften von ihrem Tun, von ihrer Gestalt? Wie ist ihre Herkunft zu deuten?

In den Geschichten von der Vertreibung aus dem Paradiese und der Zeit der Patriarchen erscheint Gott selbst dem ersten Menschenpaar und Abraham und gibt seinen Willen kund. Nur einmal hören wir, daß um die Mittagsstunde plötzlich drei Männer vor Abraham standen und von ihm bewirtet wurden, in denen er Gott und seine Begleiter erkannte. Es wird nicht gesagt, wer diese Begleiter waren, doch dürfen wir annehmen, daß hier zwei der obersten Engel gemeint sind. Auch dem großen Gesetzgeber Mose erschien Gott noch in eigener Person, aber bereits auf menschenferner Höhe des Berges Sinai in einer feurigen Wolke. In späterer Zeit jedoch, als Gottesbegriff und Jahweglauben sich ins Geistige gewandelt hatten, war der über alles Irdische weit hinaus erhobene Gott in unerreichbare Fernen entrückt und wandelte nicht mehr auf Erden. Als Mittler zwischen göttlicher und irdischer Sphäre sandte er von den Himmeln herab seine Engel, die für ihn sein Wort verkündeten und den Menschen nächtlich im Traum und am Tage als Lichterscheinung den Weg des rechten Lebens wiesen.

Wie der Brief an die Hebräer im Neuen Testament besagt, sind Engel "allzumal dienstbare Geister, ausgesandt zum Beistand, um derer willen, die das Heil erben sollen"; Boten im Dienste Gottes und zugleich Schutzgeister des Menschen, die über ihm wachen in seinem Kampf gegen das Böse. So werden die Engel zu Streitern für das Gute, zu den himmlischen Heerscharen für den Sieg des göttlichen Willens. Gott als Weltenkönig bedarf ihrer, so wie die irdischen Könige der Wächter, Streiter und Heerscharen bedürfen. Darum ist der Engel Zahl auch so unendlich groß: Tausendmal tausend dienten ihm und zehntausendmal zehntausend standen vor ihm, heißt es beim Propheten Daniel. Und nach parsisch-iranischem Glauben, der sich im Kampfe der guten und bösen Mächte eng mit der jüdischen Anschauung berührt, drehte sich das Gestirn des Großen Bären mit 99 999 guten Geistern um das Höllentor und hielt die ebenso zahlreichen Teufel in der Hölle zurück.

Die ersten Engel, die uns unter diesem Namen im Alten Testament begegnen, sind streitbare, von Gott eingesetzte Wächter, denen er nach der Austreibung von Adam und Eva den Befehl gab, sich vor dem Garten Eden zu lagern und Wache zu halten. Sie werden Cherubim "mit dem bloßen hauenden Schwert" genannt, ein Name, der soviel wie Glanzerscheinung bedeutet und ihren Rang in der Hierarchie der Engel bestimmt. Sie nehmen die zweite Stelle unter den sieben, nach anderer Rechnung neun Engelchören ein. Höher als sie stehen nur noch die Seraphim, angetan mit sechs Flügeln und um den Thron Gottes geschart. In seinen visionären Gesichten beschreibt Jesaias die Erscheinung der Seraphim also: "Ich sah den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Stuhl, und die Seraphim standen über ihm, ein jeglicher hatte sechs Flügel; mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie." Saraf ist im Hebräischen der Name einer Giftschlange, auch der des geflügelten feurigen Drachens in der Einöde, von dem Jesaias an anderer Stelle spricht. Der Plural Seraphim ging im Verlauf langer Zeiten auf die sechsfach geflügelten guten Geister der höchsten Höhe über. Die Cherubim hingegen tragen vier Flügel, aber auch ein vierfaches Angesicht. So hat Hesekiel sie gesehen und ihre Erscheinung niedergeschrieben: "Ihre Angesichter waren vorn gleich einem Menschen und zur rechten Seite gleich einem Löwen bei allen vieren, und zur linken Seite gleich einem Ochsen und hinten gleich einem Adler bei allen vieren." Dazu waren ihr Leib, Rücken, Hände und Flügel um und um voll Augen. Hinter dieser Vision steht unverkennbar die uralte, phantastische Reihe babylonischer und ägyptischer Mischwesen, halb Tier, halb Mensch, die uns in Kult und Kunst tausendfach überliefert und erhalten sind.

Nur wenige, nur drei der obersten seraphischen Engel haben in der Heiligen Schrift durch Namengebung einen Zug ins Persönliche und Individuelle bekommen und erscheinen als Michael, Gabriel und Raphael. Jener Engel, der nach dem Lukas-Evangelium zum Zacharias kommt, führt sich ein mit den Worten: "Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und bin gesandt, mit dir zu reden." Und wiederum ist es Gabriel, der auch Maria die Verkündigung überbringt. In dem apokryphen Henoch-Buche heißt es von ihm: "Gabriel ist ein sechster der heiligen Engel, der über das Paradies, die Schlangen und die Cherube gesetzt ist." Ganz ähnlich wie Gabriel bei Zacharias beginnt auch der Engel, der dem jungen Tobias als Schutzengel und Begleiter zur Seite geht: "Ich bin Raphael, einer von den sieben Engeln, die wir vor dem Herrn stehen." Der Erzengel Michael, der als Gottesstreiter vor allem den Kampf mit dem Bösen, das sich im geflügelten Drachen verkörpert, zu führen den Auftrag hat, wird bei Daniel einer der vornehmsten Engelfürsten und auch kurzweg "euer Fürst" genannt, und zwar von einem Engel der niederen Chöre, der dem Propheten in Gestalt eines Mannes erschienen war, gekleidet in weißer Leinwand und mit goldenem Gürtel. Der "Leib des Engels war wie ein Türkis, sein Antlitz wie ein Blitz, seine Augen wie feurige Fackeln, seine Arme und Füße wie helles, glattes Erz, und seine Rede war ein großes Getön". Nicht ohne Bedeutung ist, daß die Engelerscheinungen vielfach begleitet sind von einem ungewöhnlichen Aufruhr in der Natur: "Es kam ein ungestümer Wind von Mitternacht her mit einer großen Wolke voll Feuer, das allenthalben umher glänzte, und mitten in dem Feuer war es lichthell." Durch die Worte des Propheten schimmert noch ein atavistischer Rest der Furcht vor den Wettergottheiten der Vorzeit hindurch. Hiob spricht diese Furcht deutlich aus: "Ein Geist geht an mir vorüber, es sträubt sich das Haar meines Leibes." Da das Gute und das Böse nebeneinander in der Welt sind, und das Gute seinen Ursprung in Gott hat, muß auch das Böse – als der Abfall vom Guten – irgendwann aus dem Guten herausgetreten sein. Im sechsten Kapitel der Genesis stoßen wir auf die seltsamen Worte: "Da sich aber die Menschen begannen zu mehren auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Söhne Gottes nach den Töchtern der Menschen, wie sie schön waren und nahmen zu Weibern, welche sie wollten." Söhne Gottes oder Kinder Gottes ist eine sehr frühe Benennung für die Engel, und im Ausspruch der Genesis spiegelt sich die alte Mythe des Abfalls jener Engelschar von Gott, die zur Strafe aus dem Reich der Guten herabgestürzt wurde, während Gott in seinem Zorn über das Menschengeschlecht die Sintflut hereinbrechen ließ. Seitdem versuchen unter Luzifers Führung die gefallenen Engel als Dämonen des Bösen die Seelen der Menschen zu verderben, sie Gott und seinen Engeln zu entreißen und in ihr finster – feuriges chthonisches Reich zu ziehen. Auch der ehemalige Engel Luzifer hatte als Höllenfürst seine geflügelten Heerscharen, die unter dem volkstümlichen Namen Teufel durch die Jahrhunderte fortleben. Als dämonische Geister treten Luzifer-Satan und seine dienenden Teufel ursprünglich in voller Tiergestalt auf oder zumindest durch Hörner, Bocksfüße und Schweif mit charakteristischen Tierzügen versehen. Das erste satanische Wesen dieser Art erscheint im Paradies vor Eva in Gestalt der Schlange und ist der Sprache mächtig, da es in Wahrheit ein Dämon ist.