IV. Besuch auf der größten Ranch der Staaten – Der Fleischberg "Santa Gertrudis"

USA-Beobachtungen von Eka v. Merveldt

Santa Gertrudis (King Ranch, Texas)

To get lost" (verlorengehen) ist in diesem Land noch ein oft gebrauchtes Wort, das sich nicht nur auf Dinge bezieht, sondern auch auf Menschen. Ich begreife immer mehr, daß die Gewalt der Natur in diesem Kontinent eine Herausforderung an den Geist ist. Sie läßt nichts unbefriedigt, was im Menschen Sehnsucht nach Unendlichkeit heißt.

To keep from getting lost – um das Verlorengehen auf den weiten Flächen des Weidelandes der King Ranch zu verhüten, müssen die Fahrzeuge mit einem Kompaß ausgerüstet sein. Jeder Texaner kennt die Geschichten von Pecos Bill, dem legendären Cowboy, der mit den Coyotes, den Präriewölfen, mit den Ozelots und Klapperschlangen auf du und du stand. Er war (natürlich, sagen die Texaner) in Texas geboren, und eines Tages bestieg er einen Oklahoma-Zyklon und ebnete auf einem Ritt zum Golf von Mexiko die Berge ein und entwurzelte die Wälder: So entstand – platt wie eine Bratpfanne – Texas, der größte Staat in den Staaten, der nacheinander die Flaggen Spaniens, Mexikos, der Republik von Texas und der USA trug.

"Ist das alles, soweit ich sehen kann, die King Ranch?" fragte ich schließlich meine beiden. Begleiter, zwischen denen ich vorn in dem neunsitzigen geländegängigen Ford saß – und man kann unendlich weit sehen in dieser flach sich ausbreitenden Ebene zwischen dem Rio Grande, der Grenze von Mexiko und dem Golf, im südlichsten Zipfel von Texas. "So weit Sie sehen können und so weit Sie nicht sehen können, ist alles die King Ranch", war die vergnügte Antwort des jungen Mannes am Steuer, eines Mitarbeiters aus dem Main Headquaters, dem Hauptquartier Santa Gertrudis. Drei andere weit auseinanderliegende "Divisionen", Laureles, Norias und Encino, gehören außerdem zu dem Besitz der Familie Kleberg. Seit einer Stunde durchfuhren wir, vom Flugplatz in Corpus Christi kommend, nun schon auf einem Highway die Division Laureles. Der argentinische Hacienda-Besitzer, der rechts neben mir saß, hatte die lange Reise gemacht, um das Wundertier "Santa Gertrudis" zu sehen, eine Erfindung der King Ranch. Die erste nordamerikanische Züchtung einer neuen Rinderart. Aber so weit wir uns auch umsahen rechts und links des Weges, das Tier war nicht zu erblicken, weder auf dem weiten Grasland noch auf der frisch gepflügten schwarzen Erde, die dreimal im Jahr eine Ernte trägt.

Kings Kingville