Bei einem "Mittwoch-Gespräch" im Bahnhof zu Köln wurde aus dem Publikum der Wunsch an die dort versammelten deutschen Schriftsteller geäußert, sie möchten einmal ihre "Lieblingsschriftsteller" nennen. Der leise Protest der anwesenden Autoren gegen den etwas naiv und allgemein gehaltenen Wunsch gab den Anlaß, ihn einzuschränken: es sollten von den Autoren diejenigen Schriftsteller genannt werden, denen sie als Schreibende am meisten verdanken. So zeigte sich, daß neben Thomas Mann, Ernst Jünger und Gottfried Benn am meisten Robert Musil genannt wurde –, ein erstaunlich großer Teil der dort versammelten Autoren bekannte sich zu einem Manne, von dem die "Times" seinerzeit schrieb: "Der bedeutendste deutsch schreibende Romancier dieses halben Jahrhunderts ist einer der unbekanntesten Schriftsteller dieses Zeitalters." Ein schneller Überblick mußte ergeben, daß unter den Autoren, die Robert Musil nannten, die allerverschiedensten Naturen sich befanden, verschieden in Begabung und Temperament, so daß der Verdacht, hier gründe sich eine Art Geheimklub von Literatursnobs, sich von vornherein verbot. Konnte die Nennung der Namen Thomas Mann, Ernst Jünger und Gottfried Benn noch als eine Art Bekenntnis aus Trotz aufgefaßt werden, als eine Art Entscheid für Autoren von hohem Rang, jedoch umstrittener Stellung – Robert Musil hingegen ist kein umstrittener, er ist einfach ein unbekannter Autor, unbekannt zumindest beim breiten Lesepublikum.

Eine Bitte an den geneigten Leser, sich mehr mit Robert Musil zu befassen, ist eine Bitte persönlicher Art. Sie schließt den Wunsch ein, dem Leser den gleichen Genuß zu verschaffen, den der Schreibende bei der Lektüre Robert Musils verspürt; es gibt kaum noch einen Autor, bei dem wie bei Robert Musil der Schreibende so leicht und so vergnüglich lernen kann, so daß der Gedanke naheliegt, auch der Lesende werde fast unmerklich zu mehr als zu seinen Kosten gelangen.

Ich las Robert Musils ersten Roman "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß", der 1906 erschien, zu einer Zeit, als ich die "chinesische Mauer" noch nicht überklettert hatte. Das Buch bewegte mich des Stofflichen wegen; es schilderte Verhältnisse, die ich ähnlich erlebt hatte, im Preußischen Kadettenhause. Seine anderen, wenigen Erzählungen unter den Titeln "Die Vereinigungen" und "Drei Frauen" kannte ich nicht, als mir das Glück der persönlichen Bekanntschaft mit Robert Musil zu Teil wurde.

Rowohlt pflegte Autoren, denen es zuzeiten wirtschaftlich schlecht erging, in seinem Verlage mit kleineren Arbeiten zu beschäftigen. Auch ich durfte längere Zeit bei ihm "Waschzettel" verfertigen und zur Tür eilen, wenn Besucher des Verlages klingelten. Eines Tages, im Jahre 1930, klingelte es, und ich eilte, die Tür zu öffnen. Draußen stand ein Herr mit einem großen Koffer –: Robert Musil. Er war nach Berlin gekommen, "weil dort die Spannungen und Konflikte des deutschen Geisteslebens fühlbarer sind als in Wien" – wie aus seinen späteren Aufzeichnungen hervorging. Aber der Koffer enthielt nicht seine Kleider und Habseligkeiten, sondern er beherbergte das Manuskript seines Romans "Der Mann ohne Eigenschaften". Von diesem Roman war bei Rowohlt schon lange die Rede; schon seit Jahren geisterte das Gerücht von ihm wie die Seeschlange durch den Verlag, ein Wesen, von dem jedermann sprach, und das noch keiner gesehen hatte. Nun war Robert Musil da mit seinem Manuskript, und ich war der erste, der einen Blick hineinwerfen konnte. Es blieb bei diesem Blick: der Koffer enthielt ein Gewirr von Papierseiten und Zetteln. Und der Roman war noch lange nicht fertig ...

Später las Musil seinem Verleger vor. Noch heute erzählt Rowohlt gern, welches Entsetzen ihn packte, als Musil immer wieder zu seinem Koffer eilte, lange in dem Papierwust herumkramte, um die nächste Seite zu finden, die er noch vorlesen wollte, und wie Robert Musil schließlich, als Rowohlt ungehalten darüber war, daß der Roman in auch nur einigermaßen absehbarer Zeit nicht fertig sein werde, seinem Verleger still sagte, wenn Rowohlt ihn im Stiche ließe, bliebe ihm nichts anderes übrig, als sich zu erschießen.

Noch heute pflegt Rowohlt, wenn er davon erzählt, hinzuzufügen, das hätten ihm Autoren schon oft gesagt, aber Robert Musil habe er das geglaubt. Rowohlt hat Musil nicht im Stiche gelassen. Musil arbeitete 35 Jahre an dem Roman, und als Rowohlt ihm nicht mehr helfen könnet, da er selbst nicht mehr in Deutschland war, half Robert Musil keiner mehr –, Musil starb am 15. April 1942, ohne den Roman vollendet zu haben.

Robert Musil war aber kein "versponnener Literat", kein scheuer und verlegener Mensch, der mit dem Leben nicht fertig wurde. Er war Offizier der k. u. k. Armee, mit hohen Tapferkeitsauszeichnungen, er war Ingenieur, der Konstrukteur des "Musilschen Farbkreisels", er war Gelehrter von hohem Rang, betrieb das Studium der Philosophie, vornehmlich Logik und experimentelle Psychologie, er war ein hervorragender Mathematiker, aber vor allem ein Weltmann, gepflegt und kultiviert, ein Grandseigneur. Aber als er begann, seinen Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" zu konzipieren, kehrte er allem den Rücken, wurde zum Einsiedler.