Als ich am Silvesternachmittag nach Hause kam, riß ich den Schlips herunter, ließ ihn auf den Boden fallen, warf mich auf die Couch – aber da klopfte es schon, und August stand in der Tür. August ist Schreinergeselle, ein tüchtiger Schreinergeselle, und es scheint sogar, daß etwas von dem Holz, das er täglich um sich hat, auch in ihn selbst hineingeraten ist, in die harte und verdrehte Nase beispielsweise.

August also stand da, und erst jetzt bemerkte ich, daß er seinen besten Anzug trug, er hatte sogar, ganz gegen seine Gewohnheit, einen Hut auf dem Kopf, so daß es mir einen Schreck versetzte und ich vorsichtshalber eine ernste Miene annahm. Sollte irgendeiner gestorben sein?

"Du bist eingeladen", sagte August. – "Wieso?" fragte ich immer noch ungewiß. – "Zur Silvesterfeier", murmelte August.

Na, das war ja etwas anderes. "Wo steigt denn die Sache?" – "Wir feiern in der großen Stube", sagte August. – "In der großen Stube?" verwunderte ich mich. "Was sind das denn für komische Leute, die eine ‚große Stube‘ haben?" – "Bauern", sagte August und erklärte mir dann zögernd, daß er ernste Absichten auf die Tochter dieses Bauernhofes habe. Ich wandte zwar ein, daß mir die Leute unbekannt wären und daß ich zudem ein ausgesprochener Stadtmensch sei, aber August versicherte mir, daß es ihm darauf gerade ankäme, daß er unbedingt ein paar Leute aus der Stadt einladen müßte, um sozusagen nicht allein gegen eine Übermacht von Ländlichkeit und alten Bräuchen da zu stehen. Schön.

Also mit einem Wort: die Feier war wunderschön! Was aber wirklich an diesem Abend geschah, wohlverstanden: an einem Silvesterabend, der zwar ein Ende bedeutet, aber auch die Hoffnung auf ein neues Jahr ... nun, ich muß es wohl der Reihe nach erzählen.

Es war ein kleiner Hof, sehr klein sogar, drei Kühe standen im Stall, und was August als "große Stube" bezeichnet hatte, schien mir höchstens ein traditioneller Name. Also weit gefehlt, wenn man etwa denken sollte, wir hätten in Essen und Trinken geschwelgt. Nein, in dieser Hinsicht war es keine Sensation. Bunt gemischt aus Stadt und Land, so saßen wir an den nebeneinandergeschobenen Tischen, ohne Regel, jeder nahm sich seinen Platz. Neben mir zum Beispiel saß der Bauer selbst – und damit fing die große Verwirrung an.

Es war nämlich gar kein Bauer. Ganz früher, erzählte er mir, sei er als Zirkuskünstler durch die Welt gezogen, als sogenannter Chinese, er habe mit Tellern jongliert, dann aber habe er umgesattelt und sei Müseumsdiener geworden, und schließlich habe er den Hof gekauft. "So ein Dusel!" sagte er. "Stellen Sie sich vor, wenn ich jetzt Museumsdiener wäre. Ich müßte ja schon mit Tellern jonglieren vor den Museumsbildern, wenn da einer hinkommen soll..Gewiß, ich gab das zu. Museen sind nicht überlaufen. "Wissen Sie", wechselte der Bauer jetzt das Thema, "wissen Sie: Mascha Iwanowna..." – "Wer?" unterbrach ich ihn. – "Mascha Iwanowna." – "Wer ist denn das?" – "Na, wo August doch ein Auge drauf geworfen hat!" meinte der Bauer. "Mascha Iwanowna. Bloß, daß sie nicht meine richtige Tochter ist, verstehen Sie?" Und ich erfuhr, daß seine Frau vor Jahren einmal einen Ukrainer geheiratet hatte, einen Kriegsgefangenen, der nach dem ersten Weltkrieg dageblieben war. Dann war der Mann gestorben, und der Akrobat, Museumsdiener und Bauer hatte die Frau genommen, mitsamt dem Kind, das sie von dem Ukrainer hatte.