"Mascha Iwanowna...", wiederholte ich still für mich und warf einen Blick zu August hinüber. Aber er saß da, an ihrer Seite, und lächelte selig.

"Wenn ich nur nicht immer die Bücher verstecken müßte!" sprach mein Nachbar weiter. – "Was für Bücher?" fragte ich. "Die von meiner Frau!" sagte der Bauer. "Sie ist abonniert, bei mindestens vier, fünf Leihbibliotheken, sie liest doch so gerne Romane." – "Aber als Bäuerin hat sie doch viel zuviel Arbeit...!" wagte ich einzuwenden. – "Sie kommt ja auch gar nicht zum Lesen", meinte der Bauer, "ich verstecke die Bücher immer."

Allmählich – wenn ich es jetzt bedenke – begann eine Art Karussell sich um mich herumzudrehen, sehr langsam zunächst noch, sehr leise. Eine leichte, schaukelnde Bewegung: Museumsdiener, Teller jonglieren, Mascha Iwanowna und Leihbibliothek!

Nun, es kam schon bald in volle Fahrt, das Karussell. Mitten zwischen den schwarzgekleideten Bauern saß in einem schreiend gelben Kleid die lange Lisa, und alles hörte ihr staunend zu. Es stellte sich heraus, daß dieses dünn emporgeschossene Asphaltprodukt vom Lande kam, aus einem uralten Bauerngeschlecht. Während sie kaltblütig ein Glas Schnaps nach dem andern trank, breitete sie ihre landwirtschaftlichen Kenntnisse aus, und die waren so glänzend, daß sich mein Nachbar vor Begeisterung auf die Schenkel klopfte. Nein, was sie da von Lupinen erzählte und wie man ein Maisfeld behandeln müßte ... das wäre endlich einmal, versicherte er, die richtige Frau für seinen Knecht. Aber der Knecht nun wieder, ein ungeheuer breiter, untersetzter Mann mit blau und rot geschwollenem Gesicht, war ein fanatischer Gegner des Alkohols, er trank nur Milch, und das war natürlich ein unüberwindliches Hindernis, wenn man an Lisa dachte.

Inzwischen redete ein dicker Bauer, wahrscheinlich der reichste in diesem Kreis, unaufhörlich auf die junge, hübsche Anna ein. Und jeden Satz – man hörte es über den ganzen Tisch – begann er mit: "Wir Proletarier...", wogegen Anna sich energisch wehrte. Sie wäre ein hochanständiges Mädchen, versicherte sie, das wüßte die ganze Fabrik, in der sie zur Arbeit ging.

Plötzlich erhob sich die Tochter der Bäuerin, und sie war fast rührend schön, wie ein wahrer Engel anzusehen. Sie verkündete mit einem sanften Lächeln, daß sie uns etwas zum besten geben wolle, und angesichts des schon Erlebten war ich kaum noch erstaunt, daß Mascha Iwanowna, das ukrainisch-deutsche Mädchen, die luxemburgische Nationalhymne sang. August klatschte am lautesten Beifall. Erst später erfuhr ich, daß Mascha Iwanowna in Luxemburg einmal in Stellung gewesen war. Als Platzanweiserin.

Das Seltsame war, daß nicht nur ich, sondern zweifelsohne alle dieses Durcheinander ganz in Ordnung fanden. Eine heimliche Freude ging in der Stube herum. Jedem schien es zu gefallen, wenn die Dinge plötzlich anders waren, als man dachte. Hatte nicht der Ausdruck "große Stube" noch einen Sinn bekommen: Ja, wir saßen da in einer großen Stube. Großer und schöner konnte sie gar nicht sein.