"Und wär‘ der Kreuzweg nicht gekommen, und hätt’ ich nicht geglaubt, es schneit – dann wär’ ich jetzt wer weiß wie weit!"

Chamisso

Dem Bremer Borgward-Fahrer Hans Hugo Hartmann wurde bei seiner Rückkehr aus Südamerika, wo er an der Carrera Panamericana, jenem über 3000 km durch ganz Mexiko führenden Automobil-Straßenrennen teilgenommen hatte, in seiner Heimatstadt von Senat und Bürgerschaft, der großen Sportgemeinde und selbstverständlich der Automobilwerke, deren Wagen er gesteuert hatte, ein festlicher Empfang bereitet. Und wieder feierte man ihn als "den moralischen Sieger" dieser gewaltigen Zerreißprobe für Mensch und Material.

Rufen wir uns zunächst kurz dieses Rennen (über dessen sportlichen Wert man sehr verschiedener Ansicht sein kann) und seinen überraschenden Ausgang in Erinnerung. In der Kleinen Sportwagenklasse hatte der Deutsche souverän geführt und lag mit etwa 100 Minuten Zeitvorsprung vor seinem nächsten Gegner. Da warf ihn ein unbedeutender Defekt auf der letzten Etappe um sieben Sekunden zurück, um die er verspätet am Ziel eintraf, wodurch sich an der Gesamtfahrzeit allerdings kaum etwas änderte. Nur die Etappenzeit war überschritten worden – und das kostete ihm den Gesamtsieg, er mußte disqualifiziert werden.

Kein Mensch, der nicht aufrichtigstes Mitleid mit diesem armen Pechvogel Hartmann gehabt und rückhaltslos die enorme Leistung anerkannt hätte, die er vollbracht hatte. Weniger schön war dagegen die Reaktion, die sich bald darauf in Telegrammen aus der Heimat äußerte. "Höchste und allerhöchste Herrschaften" feierten den Mann, dem das Schicksal so hart mitgespielt hatte, als ob er das Rennen tatsächlich gewonnen hatte. Und ähnliches tat sich bei seiner Heimkehr. Man mußte wahrhaftig den Eindruck gewinnen, der wirkliche Sieger dieser mörderischen Langstreckenfahrt, der Porschefahrer Herrarte aus Guatemala, hätte eigentlich so gut wie nichts geleistet.

Nichts gegen Hartmann und auch nichts gegen die Marke, die er fuhr – aber was ist überhaupt ein "moralischer Sieger"?

Wir meinen, daß aus den vielen Fernschreiben, die nach Mexiko gesandt, aus den Reden, die später gehalten wurden, ein recht bedenklicher (Sport) "Geist" spricht. Wir scheinen noch immer sehr schlechte Verlierer zu sein. Wie so oft im Leben, entscheidet vor allem auch im Sport gerade die eine Sekunde (oder gar nur ein Bruchteil von ihr), und wer sie nicht erwischt, hat eben das Nachsehen.

Die Geschichte des Sportes kennt viele Beispiele für tragisches Mißgeschick eines Sportsmannes, dem kurz vor dem Ziel der sicher scheinende Sieg entrissen wurde. Das klassische Beispiel eines Pechvogels besonderen Formats dürfte der Italiener Dorando sein, der im Marathonlauf der Olympischen Spiele 1908 zu London knapp hundert Meter vor dem Zielpfosten zusammenbrach. "Das Marathontor", so heißt es in einem Bericht, "hatte sich zum Empfang der Läufer aufgetan. Stieren Blickes, mit wankenden Knien betrat der Italiener Dorando den Raum. Über das Stadion legte sich die Stille einer Totenstadt. Erschöpft zwang der Kämpfer die Beine vorwärts, da versagten die Muskeln, der Körper sank zusammen. Dann zuckte der Wille auf, im Taumel glückten einige neue Schritte, und abermals brach der Leib. Geisterhaft kroch das Leben langsam wieder in die erstarrten Züge. Nah den Blicken stand das Ziel! Mehr Entsetzen als Bewunderung erfüllte die Sekunden auf ihrem schleichenden Weg. Überwältigt von so viel Qual halfen ihm zwei Kampfrichter stützend über die Linie. Der Dienst der Menschlichkeit aber verletzte die ehernen Gesetze des Sports. Dorando wurde später des Sieges verlustig erklärt..." W. K.