Seit die Psychoanalyse die Kunst der Biographie revolutioniert hat, blieb kaum einer unserer Großen unanalysiert. Nur einer wurde bisher nicht mit den neuen Mitteln durchleuchtet: derjenige, der sie gefunden hat, Sigmund Freud. Nun ist einer der engsten Mitarbeiter und Schüler des großen Arztes mit einem Buch hervorgetreten, dessen Erscheinen in London Aufsehen erregt hat. Zwar liegt zunächst nur der erste Band der Freudbiographie (The young Freud, The Hoyowth Press London) von Ernest Jones vor, aber bei einem Werk wie diesem ist der Beginn das Verlockendste. Von dem Mann, der später den Begriff des Ödipuskomplexes geprägt hat, erfahren wir hier, wie er selbst zu Vater und Mutter stand und wie er aus den seelischen Wirren und Konflikten seiner Kindheit hervorgegangen ist.

So lernen wir die Schlüsselposition dieses ersten bewußt gewordenen Ödipuskomplexes der Welt kennen. Der mährische Wollhändler Jakob Freud verläßt mit seiner kinderreichen Familie die Heimatstadt Freiburg, um sich zuerst in Leipzig, später in Wien niederzulassen. Der kleine Sigmund ist damals drei Jahre alt. Er war der erste Sohn aus Jakobs zweiter Ehe, und bei seiner Geburt hatte ein altes Weib geweissagt, der Neugeborene würde einmal ein großer Mann werden.

Im Alter von achtundzwanzig Jahren hat der junge Arzt seine Tagebücher verbrannt. Seine Biographen würden es eben eines Tages um so schwerer haben, schrieb er in einem Brief, und dieser selbstironisierende Satz war vielleicht nicht so ganz scherzhaft gemeint. Damals ahnte Freud noch nicht, daß er etliche Jahre später den präsumptiven Biographen etwas weit Wertvolleres in die Hände spielen würde: seine große Selbstanalyse. Sie war ein entscheidender Schritt auf dem Wege zur psychoanalytischen Lehre. Der spätere Therapeut mußte erst einmal sich selbst durchschauen lernen, ehe er andere Menschen in ihrer inneren Struktur erkennen konnte. Dieser Akt der Selbstdurchleuchtung aber wurde für den Biographen weit wertvoller als die verbrannten Jugendtagebücher, denn er enthüllte, was jene vermutlich verschwiegen und kaschiert haben. Auf der Selbstanalyse baut auch Jones seine Darstellung von Freuds Kindheit auf.

Freuds Studienjahre fallen in die große Blütezeit der Wiener medizinischen Schule. Als Schüler von Nothnagel, Brücke und Meynert macht er seinen Dr. med. und arbeitet auf die Dozentur hin. Aber noch ist er weit von seinem späteren Forschungsgebiet entfernt. Seiner späteren Gattin gestand er, ihre einzige ernsthafte Rivalin sei die Gehirnanatomie gewesen. Dann zog ihn das Studium einer neu entdeckten Droge an: des Kokains. Noch waren die Gefahren dieses Medikaments nicht erkannt. Der junge Forscher glaubte, darin ein Stärkungsmittel von ungeahnten Möglichkeiten zu erblicken. Die Unbedenklichkeit, mit der der junge Arzt es verwendete, stellte ihn sogar in den Mittelpunkt eines medizinischen Skandals. Von da an war er einem so gewaltsamen Mittel gegenüber vorsichtig.

Noch hielt man in der Psychotherapie bei Kaltwasserkuren, Massagen und elektrischen Behandlungsmethoden. Da vollzog sich die große Wendung in seinem Denken, als er in Paris Charcot kennen lernte. Der große Forscher wandte auf der Salpetriere als erster die hypnotische Methode an. Freud erlernte die neue Technik und glaubte hier das Tor zu dem anziehenden seelischen Neuland zu finden. So heftig er später derart gewaltsame seelische Eingriffe ablehnte, so sehr verfiel er zunächst den lockenden Eingriffen der Methode Charcot. Vor allem aber lernte er von dem großen Pariser Arzt "einen Tatbestand anzustarren und immer wieder anzustarren, bis er zu sprechen beginnt".

Es waren die Jahre seiner Liebe zu Martha Bernays, seiner späteren Gattin. Diese Seiten von Jones’ Biographie sind ungewöhnlich aufschlußreich. Wer etwa gehofft hat, er würde im Privatleben des Schöpfers der Psychoanalyse Zügellosigkeit oder Libertinage finden, muß hier entdecken, daß er nicht nur Freud, sondern auch seine Lehre mißverstanden hat. Die 900 Briefe an das junge Mädchen aus jüdisch-bürgerlicher Familie sind von einer zarten Zuneigung diktiert. Da rät der eifersüchtige Liebhaber seiner Verlobten, sie möge sich ja nicht mit jedermann auf guten Fuß stellen. über einen Nebenbuhler schreibt er: "Wehe ihm, wenn er mein Feind wird! Ich bin aus härterem Stoff als er... ich kann rücksichtslos sein." Sie möge auch nicht mehr Schlittschuhlaufen gehen, rät er seiner Braut, damit sie nicht etwa mit einem anderen Mann Arm in Arm über die Eisfläche dahingleite. "Wehe Dir, meine kleine Prinzessin", schreibt er ein anderes Mal, "wenn ich zu Dir komme! Du wirst sehen, wer stärker ist: ein nettes, kleines Mädchen, das zu wenig ist, oder ein großer wilder Mann, der Kokain im Leib hat."

Am Ende dieses ersten Bandes von Dr. Jones’ Freudbiographie steht die entscheidende Wendung dieses Forscherlebens: der berühmte Fall der Hysterikerin Anna O. Gemeinsam mit dem um vieles älteren Dr. Josef Breuer versuchte er zum erstenmal die Heilung einer seelisch Erkrankten durch eine "Redekur". Anna O. bezeichnete das Experiment, das man an ihr vornahm, als "seelisches Rauchfangkehren". Hier wurde der entscheidende große Schritt ins Kellergeschoß der menschlichen Psyche getan, in jenes unermeßliche Reich, dessen Dimensionen Freud als erster vermessen und abgrenzen sollte. Dr. Breuer war von dieser Hysterikerin. derart fasziniert, daß seine Frau auf die Patienten eifersüchtig wurde. So verzichtete er schließlich darauf, den Fall zu Ende zu behandeln und überließ ihn Sigmund Freud. Auf diese Weise geschah es, daß dieser als erster die Mechanik unbewußter Vorgänge erforschen und die Grundzüge einer Therapie entwickeln durfte, die später die Kenntnis der menschlichen Psyche revolutionieren sollte. Vom Fall Anna O. führte der Weg zum Blick ins Innere, zur Analyse der eigenen Hemmungen und Verdängungen. Hier wurde der Weg freigelegt zur Erkenntnis des Unbewußten. Aber schon die Publikation jener ersten Psychotherapie weckte all jene Widerstände, jene erbitterte Feindschaft in Wiener Ärztekreisen, an der Sigmund Freud später ein Leben lang zu tragen haben sollte.

Otto F. Beer