Werden die Deutschen Abstinenzler? – Die Stammtische sterben aus

Glauben Sie mir, die geschäftliche Lage der allermeisten Gastwirtschaften ist tragisch – so tragisch, daß im letzten Jahr jeder vierte Betrieb den Besitzer gewechselt hat", sagt der Vorsitzende des Hamburger Gaststättengewerbes, Wilhelm Smolka. Tragisch – mitten in der Erhard-Konjunktur, im Zeichen der steigenden Realeinkommen? Aber das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Zwar bringen aufsteigende Konjunkturen jedem Wirtschaftszweig Vorteile. Aber neben dem Auf und Ab der allgemeinen Verbrauchskurve laufen mit viel größerer Stetigkeit, manchmal durch die Jahrzehnte, andere Linien. Sie zeigen Verbrauchswandlungen an, geheimnisvolle Vorgänge, deren Gründe man meist nur vermuten kann. Das ist noch verhältnismäßig einfach, wenn es sich um den Übergang vom Pferd zum Auto und Traktor, vom Kunstseide- zum Perlonstrumpf handelt. Aber es ist sehr schwer, die Gründe ausfindig zu machen, wenn man vor der Tatsache steht, daß der Alkoholkonsum seit mehreren Jahrzehnten fortwährend sinkt. Dann wird die Lage der meisten Gaststätten tragisch, selbst wenn eine Konjunkturwelle wie die jetzige für einen allgemeinen Wirtschaftsauftrieb sorgt.

Man weiß, daß das Rückgrat des Gastwirtsgewerbes das Bier ist, das deutsche Stammtischgetränk. Aber mit den Stammtischen sieht es ebenfalls tragisch aus. Die alten Stammtischmitglieder sterben weg, Nachwuchs findet sich nicht mehr ein. Irgendwann hat der Stammtisch, auch in den Kleinstädten, aufgehört, seine soziale Rolle als Ort der Entspannung, des Meinungsaustausches und als Mittel des beruflichen Fortkommens zu spielen. Für den Assessor von heute ist es anscheinend kein besonderer Vorzug mehr, vom Landgerichtsrat und vom Stadtdirektor zum Skat eingeladen zu werden, weil der Apotheker gerade verhindert ist. Der Assessor kann gar nicht mehr Skat spielen, er hat ganz andere Interessen, vielleicht Fußball, vielleicht ein Motorrad, vielleicht füllt er sogar zu Hause mit dem Buch in der Hand die Bildungslücken aus, die Krieg und Gefangenschaft bei ihm hinterlassen haben. Die Wirte wissen selber nicht, woher das kommt. Sie wissen nur: die Stammtische sterben aus. Und damit geht der sichere Absatz von soundsoviel Bier, von soundsoviel Schnaps dahin.

Bier am Rundfunk

Das allmähliche Verschwinden der Stammkunden ist ein sichtbarer Vorgang. Warum aber alle die andern nicht mehr kommen, vor allem der Arbeiter, der früher auf dem Heimweg von der Arbeit immer eine Zeitlang an der Theke stand, ist schwerer zu ergründen. Doch ist dieser Prozeß seit langem im Gange. In Deutschland war der Bierverbrauch je Kopf der Bevölkerung 1913/14 noch 102 Liter im Jahr, 1936/37 nur mehr 59 Liter und 1952 (leicht steigend aus konjunkturellen Gründen) 49 Liter. In vierzig Jahren ist er um mehr als die Hälfte gesunken. Das ist noch nicht alles. Während vor dem letzten Krieg mehr als neun Zehntel des Bieres über den Schanktisch ging, geht heute schon bald ein Drittel über den Ladentisch des Lebensmittelgeschäfts. Was nun drückt sich in diesem Absinken des Bierkonsums und in der Verlagerung auf das Flaschenbiergeschäft aus? Der aufkommende Sport vor allem, dann das Kino und der Rundfunk in den bürgerlichen Haushalten haben Gaststättenbesuch und Alkoholkonsum bis in die dreißiger Jahre zurückgedrängt, doch trank damals immerhin noch der Arbeiter sein Bier in der Kneipe. Sein Aufstieg seit der Währungsreform hat die Situation abermals verändert. Denn der steigende Reallohn hat dafür gesorgt, daß auch er sich jetzt einen anständigen Rundfunkempfänger leisten kann. Seither trinkt er sein Bier zu Hause, das Biergeld ist in die Verwaltung der Frau übergegangen, und die sieht ihn lieber zu Hause sitzen als im Gasthaus. Neuerdings mag auch die Isolierungstendenz der Familie dazu beitragen. Und so ist der Verlust der Gastwirte viel größer, als die sinkenden Verbrauchszahlen anzeigen. Es scheint, daß das Gasthaus überhaupt nicht mehr so attraktiv ist wie früher. Vielleicht gehört es zu einer Lebensform, die im Vergehen ist.

Bremer trinken am meisten

Von der Brauwirtschaft (zwei Milliarden DM Jahresproduktion) aus gesehen, ist die große Stütze des Bierabsatzes immer noch Bayern, mit etwa 100 Liter Jahresverbrauch je Kopf. (Noch mehr, nämlich 116 Liter, trinken die Bremer, aber sie fallen wegen ihrer kleinen Zahl statistisch nicht ins Gewicht.) Der Bierdurst mag eine besondere Stammeseigenschaft der Bayern sein, aber er könnte schwerlich so erfolgreich gelöscht werden, wäre das Bier in Bayern nicht ganz erheblich billiger als in Norddeutschland. Das liegt nicht an der Biersteuer, die im Bundesgebiet einheitlich geregelt ist (die großen Brauereien zahlen etwas mehr Biersteuer als die kleinen, und die hochprozentigen Biere sind höher besteuert als die Schwachbiere), und auch nicht an den Preisen der Brauereien. Die bayerischen Brauereien liefern Vollbier (im Faß) für 66,– bis 68,– DM je Hektoliter, die norddeutschen für 70,– DM, so daß ein Liter norddeutsches Bier um höchstens vier Pfennige teurer ist. Aber in Norddeutschland ist das Bier – in Gaststätten gleichen Charakters – gewöhnlich um 40 bis 70 Pfennig und mehr teurer. In kleinen Hamburger Gastwirtschaften bezahlt man für ein Glas (ein Viertel Liter), das eine Hamburger Brauerei für 18 Pfennig liefert, mindestens 30, meist aber 35 bis 40 Pfennig, für Spezialbier, das den Wirt vielleicht 20 Pfennig (80,– DM je Hektoliter) kostet, 45 und 50 Pfennig. In den meisten Fällen hat man den Eindruck, in Norddeutschland doppelt so teures Bier zu trinken wie in Bayern.