Das wichtigste und folgenreichste Ereignis des vergangenen Jahres war Stalins Tod. Viele Hoffnungen sind in der Welt an ihn geknüpft worden – auch in der Sowjetunion selbst. Aber hat sich die sowjetrussische Politik seitdem wirklich grundsätzlich gewandelt? Knapp zehn Tage später, am 15. März, hielt Malenkow eine große programmatische Rede. Zur Außenpolitik erklärte er: "Es gibt keine umstrittene oder unentschiedene Frage, die nicht durch friedliche Mittel auf der Grundlage gegenseitigen Verstehens der interessierten Länder gelöst werden kann. Das ist unsere Haltung gegenüber allen Staaten, einschließlich der USA." Gleichzeitig verkündete er eine umfangreiche Amnestie für Sträflinge in der Sowjetunion.

Das waren neue Töne. Man kann sich nicht darüber wundern, daß die westlichen Kabinette aufzuhorchen begannen. Es folgte aus Moskau eine Reihe versöhnlicher Gesten. Das Abkommen über den Austausch der Gefangenen in Korea wurde unterzeichnet. In Panmunjon näherten sich die Kommunisten in ihren Vorschlägen so sehr dem amerikanischen Standpunkt, daß am 27. Juli das Waffenstillstands-Abkommen abgeschlossen werden konnte. Auch wurden die diplomatischen Beziehungen zu Jugoslawien, Griechenland und Israel wieder aufgenommen. In der deutschen Sowjetzone wurde Ende Mai die sowjetische Kontrolle dem Militär in Gestalt des Generals Tschuikow aus der Hand genommen und einem Zivilisten, dem Hohen Kommissar, Botschafter Semjonow, übergeben. Auf seine Weisung mußte das sowjetdeutsche Politbüro die bisherigen Pläne für eine Sowjetisierung der Landwirtschaft widerrufen. Die Ablieferungsquoten sollten herabgesetzt, die Strafgesetze gemildert werden und Privatunternehmen sollten Anleihen erhalten. Ein ähnlicher Prozeß vollzog sich in Wien. Hier trat Botschafter Iwan Iljischew an die Spitze der Besatzungsbehörde. Er verkündete sogleich eine Reihe Erleichterungen im Reiseverkehr und anderthalb Monate später den Erlaß der Besatzungskosten. Österreich wurde aufgefordert, einen Botschafter nach Moskau zu schicken. Gleichzeitig gaben die Sowjetrussen in einer Note an die Türkei ihre Ansprüche auf Kars, Ardarhar und Artwin auf. Sie bestanden allerdings weiter darauf, daß das Abkommen von Montreux über die Dardanellen geändert werden müsse.

Zu dieser verwandelten Haltung gehörte es auch, daß die Sowjetrussen bei dem Aufstand der Berliner Arbeiter vom 17. Juli, der sich mit Windeseile über ganz Mitteldeutschland verbreitete, auffallend zurückhaltend auftraten. Sie griffen erst ein, als es deutlich wurde, daß die Volkspolizei der Unruhen nicht Herr werden konnte.

Eine Unterbrechung dieser Politik trat durch die Verhaftung Berijas ein. Er hatte von sechzehn Innenministern der Sowjetrepubliken elf abberufen und ihre Posten mit eigenen Anhängern besetzt. Daß er nach der Macht strebte, war also deutlich. Manches spricht dafür, daß dieser innenpolitische Streit die außenpolitische Aktionsfähigkeit des Kremls für eine kurze Zeit gelähmt hat, so die Tatsache, daß die Note über die deutsche Frage, die die drei Westmächte nach der Washingtoner Konferenz an die Sowjetunion schickten, lange Zeit unbeantwortet blieb. Erst im August erfolgte eine Antwort, nun allerdings in zwei aufeinanderfolgenden Noten. Sie enthielten die grundsätzliche Zustimmung zu einer Konferenz, die binnen sechs Monaten über Deutschland abgehalten werden solle. Es folgte ein intensiver Notenwechsel, in dem der Kreml einen Vorbehalt nach dem anderen fallen ließ. Die letzte Moskauer Note, die die Antwort auf die Beschlüsse der Bermuda-Konferenz ist, enthält überhaupt keine Vorbedingungen mehr. Der Vorschlag, Viererbesprechungen in Berlin abzuhalten, wurde vom Kreml in wenigen Sätzen angenommen; nur um eine Verschiebung des Datums vom 4. auf den 25. Januar wurde gebeten. Zur gleichen Zeit wurde die Atomrede Eisenhowers in der Sowjetunion begrüßt. Molotow erklärte sich in einer Note zu geheimen Verhandlungen über die Schaffung einer internationalen Stelle für friedliche Experimente auf dem Gebiet der Atomphysik bereit, zur Schaffung einer Atombank also, der die beteiligten Länder Teile ihres spaltbaren Materials abgeben sollen. Und endlich hat der sowjetische Botschafter in Washington zum ersten Male dem amerikanischen Volk über den Rundfunk frohe Weihnachten gewünscht! Angesichts so vieler Zeugnisse muß man sich in der Tat fragen, ob nicht wirklich ein Wandel in der sowjetischen Außenpolitik eingetreten ist.

Vielleicht sollte man sich hier jener Fabel des Aesop entsinnen, in der die Sonne und der Wind eine Wette abschlössen, wem von beiden es besser gelingen werde, einen Wanderer dazu zu bringen, seinen Mantel auszuziehen. Der kalte Wind blies mit aller Stärke: der Wanderer wickelte sich um so fester in den Mantel. Dann schien die Sonne mit voller Kraft: der Wanderer zog den Mantel aus. Und die Anwendung heißt: Handelt es sich bei der sowjetischen Politik seit Stalins Tod um eine echte Wandlung oder nur um eine Änderung der Methode bei gleichgebliebenem Ziel?

Malenkow hat hierauf selber eine Antwort gegeben in seiner Rede, die er Anfang August vor dem Obersten Sowjet der UdSSR gehalten hat. Er wies darauf hin, "daß der Nordatlantik-Block, wenn er heute schon, angesichts der gespannten internationalen Lage durch inneren Kampf und innere Widersprüche zerrissen ist, bei einem Nachlassen dieser Spannungen ganz zerfallen könnte". Es folgte ein Versuch, Frankreich aus der westlichen Front herauszubrechen. "Ein militaristisches Deutschland wird, ganz gleich, ob es in seinem alten Gewand oder unter dem Deckmantel der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft auftreten wird, der Todfeind Frankreichs und anderer Nachbarstaaten sein. Daher würde jeder Versuch, Frankreich an die Europäische Verteidigungsgemeinschaft zu ketten, die Auslieferung Frankreichs an die deutschen Revanchisten bedeuten." Und daß dies alles zu dem Zweck gesagt wurde, die Amerikaner aus Europa zu verdrängen, geht aus der Sowjetnote an die Westmächte vom 26. November hervor, in der es heißt: "Die Sowjetunion ist bereit, zusammen mit den anderen Ländern Europas alle ihre Anstrengungen daran zu wenden, um die europäische Sicherheit durch eine Entente aller Länder Europas unabhängig von ihrem sozialen Regime zu garantieren" – ein europäischer Bund also, einschließlich der Sowjetunion, aber ohne Teilnahme der USA.

Hier darf daran erinnert werden, daß das Zerwürfnis im Berliner Kontrollrat begann, als der amerikanische Außenminister Byrnes 1946 auf der Pariser Konferenz erklärte, die USA seien bereit, allen ehemaligen Gegnern Deutschlands eine Sicherheitsgarantie zu geben und zu diesem Zweck die amerikanischen Truppen vierzig Jahre in Europa zu belassen. Und ferner darf man nicht vergessen, daß der Kalte Krieg ausbrach, als Frankreich und England trotz der Warnung Molotows in Paris beschlossen, dem Marshallplan beizutreten. Die Sowjetrussen betrachten Europa als einen Teil ihres Machtbereichs und wollen in ihm keine Amerikaner dulden. So haben sich also seit Stalins Tode nur die Methoden geändert und nicht die Ziele.