Unlängst hatte man Gelegenheit, sich auf der "Erfinder-Messe" in Hannover über neue und praktische Erfindungen für den Alltag zu informieren.

An gefangen, mit den elektrisch heizbaren Schuhen, über den gleich in den Rock oder den Pelz eingenähten Kleiderbügel, bis zum Modell eines düsenangetriebenen Ozeanriesen war schlechthin alles vertreten. Das Patentamt hatte viel Arbeit gehabt, die Bummler bestaunten den Fortschritt, die Reklamefachleute überzeugten uns von der Nützlichkeit, ja der unbestreitbaren Notwendigkeit des jeweiligen Artikels, und die Hausfrau merkte dies und jenes zur Anschaffung vor.

Laut Zeitungsberichten sollten 300 Neuheiten auf der Musterschau zu bewundern sein; in Wirklichkeit aber waren es nur 299, denn eine Erfindung war schon lange vor der Ausstellung in Hannover bekannt. Wir wissen von einem Manne namens Attila Schmelzle, seines Zeichens Feldprediger und beinahe katechetischer Professor aus Neusattel, der ihn schon vor rund 150 Jahren kannte und schätzte: den Regenschirm mit synchronisiertem Blitzableiter nämlich. Aber auch schon vor unserem Feldprediger waren – wenn auch weniger praktische – Blitzableiter bekannt. So ging beispielsweise Kaiser Augustus bei Gewittern nie ohne seine Seekalbshaut aus. Sein Kollege Tiberius dagegen versuchte es mit einem Lorbeerkranz, während die Marquise de Montespan, Geliebte des vierzehnten Ludwigs, bei solchen Gelegenheiten stets ein Kind auf den Arm zu nehmen pflegte. Sie mußte sich ja dann auch ins Kloster zurückziehen.

Doch zurück zu unserem Attila Schmelzle. Jean Paul hat diesen merkwürdigen Gottesstreiter gut gekannt und ihm deshalb zu seinem irdischen Schutz jenen neuartigen Blitzschirm mit auf den Weg gegeben. In einem Brief über seine Reise nach Flätz erklärt unser tapferer Attila die Vorzüge der neuen Erfindung. "Indes aber", so heißt es da, "die Verdienste der Vorsicht fallen weniger ins Auge (ja mehr ins Lächerliche) als die des Mutes. Wer mich zum Beispiel bei ganz heiterem Himmel mit einem wachstuchenen Regenschirm gehen sieht: dem komm ich wahrscheinlich so lange lächerlich vor, als er nicht weiß, daß ich ihn als Blitzschirm führe, um nicht von einem Wetterstrahl aus blauem Himmel (wovon in der mittleren Geschichte mehr als ein Beispiel steht) getroffen zu werden... Ich trage auf einem langen Spazierstocke das wachstuchene Sturmdach, von dessen, Giebel sich eine Goldtresse als Ableitungskette niederzieht, die durch einen Schlüssel, den sie auf dem Fußsteig nachschleift, jeden möglichen Blitz leicht über die ganze Erdfläche ableitet und verteilt. Mit diesem Paradonner (paratonnere portatif) in der Hand will ich mich wochenlang ohne die geringste Gefahr unter dem blauen Himmel herumtreiben."

Wir haben keinen Grund, die Glaubwürdigkeit unseres Gewährsmannes anzuzweifeln; er ist, soweit wir wissen, eines natürlichen Todes gestorben. Zugegeben, das altmodische Sturmdach mit seiner Ableitungskette und dem nachschleifenden Hausschlüssel würde unseren modernen, verwöhnten Ansprüchen auf rassige Formschönheit und unauffällige Dezenz nicht mehr genügen. Der unerschrockene Schmelzle wußte ja schließlich auch noch nichts von Raymond Loewy. Ihm ging trotzdem nichts über seinen Wunderschirm, zumal dieser ihn – wie wir aus dem Bericht weiter erfahren – nicht nur gegen Blitz und Hagelschlag versicherte. "Indes", fährt nämlich der stolze Besitzer fort, "deckt diese Taucherglocke noch gegen etwas anderes – gegen Kugeln. Denn wer gibt mir im Herbste schwarz auf weiß, daß kein versteckter Narr von Jäger irgendwo, wenn ich die Natur genieße und durchstreife, seine Kugelbüchse in einem Winkel von 45 Grad so abdrückt, daß sie im Herunterfallen bloß auf meinem Scheitel aufzuschlagen braucht, damit es so gut ist, als würd ich seitwärts ins Gehirn geschossen?"

Dieser Schirm ist ja gar nicht so altmodisch, im Gegenteil, er ist außerordentlich modern. Vielleicht liest ein Erfinder zufällig diesen Bericht und konstruiert gleich morgen einen den verwöhntesten Ansprüchen genügenden formtreuen Blitzschirm mit eingebautem Atombombenschutz? Den würden wir uns dann bestimmt kaufen, auch ohne Reklame. Denn wer gibt uns im Herbste schwarz auf weiß, daß kein versteckter Narr... Brinkmann