Valka, das Ellis Island der Bundesrepublik – Schutz und Fürsorge für politische Flüchtlinge und Heimatlose

Die Münchner Illustrierte Zeitschrift "Revue" brachte in ihrer Nr. 51 vom 19. Dezember 1953 das Bild eines deutschen Fremdenlegionärs in Vietnam kurz vor seiner standrechtlichen Erschießung. Er hatte elf Monate im Dschungelkrieg gekämpft und mehrere Tapferkeitsauszeichnungen erhalten und dann einen Nervenzusammenbruch erlitten. Man sollte dieses Bild immer wieder an allen Anschlagsäulen Deutschlands plakatieren ... Das Divisionsgericht II in Bern verhandelte am 21. Dezember gegen einen Schweizer, der sich für die Fremdenlegion anwerben ließ. Bei der Verhandlung erklärte der Auditor "mit aller wünschbaren Deutlichkeit", das Gericht möge "auf dem Dienstweg über das Eidgenössische Militärdepartement beim Schweizer Bundesrat anregen, bei Frankreich vorstellig zu werden, damit solche unwürdige Werbemethoden, unwürdig für den einzelnen Mann und für unser ganzes Land, aufhören". Auch sollte viel systematischer als bisher auf die Gefahren des Eintritts in die französische Fremdenlegion hingewiesen werden ... Der Bundestagsabgeordnete Mende hat an die Bundesregierung eine Anfrage gerichtet, was sie dagegen zu tun gedenke, daß entlassene Fremdenlegionäre deutscher und anderer Nationalität in französischer Uniform über die deutsche Grenze geschmuggelt und dann in Zivil als Heimatlose entlassen werden.

Der Eisenbahnmörder Matosic, ein paar Raubüberfälle und Messerstechereien, die durch die Zeitungen gingen, haben das Ausländerlager Valka bei Nürnberg in Verruf gebracht. Aber wer es in der Erwartung betritt, in eine Räuberhöhle zu geraten, findet sich angenehm überrascht: gerade, saubere Straßen, ordentliche Baracken, eine moderne Siedlung mit Schule, Bad und Kino, Grünflächen mit Bäumen, einem Mahnmal und einer Mariensäule, dazu vier oder fünf Kirchen. Wäre nicht jene Atmosphäre von Einsamkeit, Müßiggang und Melancholie, die allen Lagern anhaftet, und hier und da. das fremdartige Gesicht eines Tscherkessen, man könnte meinen, in irgendeiner deutschen Flüchtlingssiedlung zu sein.

Nur die Baracken der Neuankömmlinge sind von einer Betonmauer umgeben, aber auch da bleiben die Tore weit offen und unbewacht. "Ich habe mich im Leben nirgends so sicher gefühlt wie in Valka", sagt der Lagerleiter Richard Krödel. Er ist Jurist und Offizier, Sohn eines evangelischen Pfarrers; Seelsorge und Menschenführung liegen ihm sozusagen im Blut. "Der größte Teil hier sind ordentliche Leute. Daß es unter 2700 Menschen aus 36 Nationen, von denen viele seit Jahren ohne Heimat und Familie sind, auch einige Kriminelle gibt, wer wäre pharisäisch genug, sich darüber zu entrüsten? Dabei sind wirkliche Verbrechen gottlob selten, meist handelt es sich um Schlägereien im Rausch oder nationale Händel." Kürzlich zum Beispiel schlug man dem polnischen Denkmal der Muttergottes den Kopf ab – das war eine polenfeindliche, keine religionsfeindliche Demonstration.

Man hat Valka das Tanger der Bundesrepublik genannt, eine internationale Stadt aus Tschechen, Polen und Ungarn, Russen, Ukrainern und Kosaken, Österreichern, Dänen und Flamen, Franzosen, Spaniern, Italienern und Griechen, Finnen, Esten, Letten und Litauern, Bulgaren, Slowenen, Rumänen, Serben und Kroaten, Albanien, Armeniern, Arabern, Aserbaidschanern und anderen Nationalitäten.

Eine besondere Gruppe bilden die Fremdenlegionäre. Sie sprechen bitter über das Land, für das sie ihr Leben einsetzten. Sie hatten sich das Recht auf die französische Staatsbürgerschaft erworben. Aber als sie ausgedient hatten, schob man sie kurzerhand ab – nach Deutschland ... Da ist Gyoergy A. zum Beispiel, siebenundzwanzig Jahre alt, Ungar. Mit zweiundzwanzig ging er nach Frankreich und zur Legion. Er hat ein kluges Gesicht, starke, schöne Hände und eine stolze Art. Mit seinen Offizieren, die Ungarn als ein unbedeutendes Land höhnten, hatte er sofort Streit. "Wir haben unsere Hauptstadt dreieinhalb Monate gegen die Rote Armee gehalten", erwiderte er, "aber ich kenne eine große Nation, die ihr ganzes Land nur achtundzwanzig Tage hielt." Seitdem galt er als ein "Feind Frankreichs". Drei Jahre war er in Marokko und Algerien, auf den einsamen Vorposten der Sahara; das war seine glücklichste Zeit. Zwei Jahre hat er in Indochina gekämpft, dort lernte er deutsch. Er zeigt mir ein paar Bilder: "Sehen Sie, lauter große blonde Jungens. Zwei Drittel waren. Deutsche." Damals begann er, so sagte er, die Franzosen zu verachten. "Wenn Gefangene ihre Kameraden nicht verraten wollten, ließen die französischen Offiziere sie mit dem Wasserschlauch vollpumpen, bis ihre Eingeweide barsten. Einem brannte man ein Loch in den Arm und verband die Wunde nicht, bis das Fleisch verfaulte. Viele würden im Fluß an Bambusstäben festgebunden, dann stieg das Wasser im Lauf des Tages, stieg; stieg – aber sie ertranken lieber, als Verrat zu üben. Fünf Vietnamesen hat der Leutnant einmal aus Wut über ihr Schweigen mit dem Hammer über den Kopf geschlagen und sie dann in den Fluß werfen lassen."

Danach bekamen sie Befehl, Gefangene mit dem Messer abzuschlachten, aber Gyoergy konnte es nicht ansehen und weigerte sich. Damals betrank er sich – fünfundvierzig Tage war er im Arrest. "Ich bin Soldat, kein Mörder", sagt er heftig.